Sechs Gründe, warum Neuseeland das schönste Ende der Welt ist

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Was macht Neuseeland für die Touristen so anziehend? Das ist eine häufig gestellte Frage. In den letzten 20 Jahren haben sich die Zahlen der Besuche von Touristen von 1,5 auf 3,5 Millionen (2016) mehr als verdoppelt. Auch deutsche Urlauber stehen in der „Länderwertung“ an sechster Stelle weit oben. Es scheint zunächst überraschend, weil diese Inseln im südlichen Pazifik mit einigen Hürden für den herkömmlichen Urlaub aufwarten. So sorgen die hohen Niederschlagsmengen (ähnlich wie in Irland) für ein „grünes“ Neuseeland, kein Land für Sonnenanbeter und die Wasser-Temperaturen im Pazifik sind selbst im Hochsommer (Januar/Februar in Europa) mit gefühlten 20 Grad für viele wenig einladend.

Neuseeland liegt für die Europäer am Ende der Welt. Etwa knapp vier Flugstunden von den Metropolen Australiens entfernt, summiert sich die Flugzeit aus Europa um ein Vielfaches auf rund 27 Stunden, für die Deutschen einer der weitesten Wege zu einem Urlaubsziel. Und schließlich liegt Neuseeland im Spannungsfeld der längsseits durch die Hauptinseln führenden australischen und pazifischen Platte. Die Folge sind Erdbeben und Vulkanausbrüche. Neben tausenden kleinen Beben ereilt Neuseeland im Durchschnitt alle zehn Jahre ein sehr schweres Erbeben der Stärke sieben.

Doch all das kann die wachsende Reiselust der deutschen Urlauber wie auch die Besucher aus aller Welt nicht bremsen. Wer die Gelegenheit hat, für mehrere Wochen Neuseeland kennenzulernen und ausgiebig zu erkunden, kann mühelos erklären, warum die Zahlen der Touristen steigen und steigen und steigen…und mindestens sechs Gründe nennen.

Erstens: Die Sinfonie der Natur-Landschaften

Es gibt von den Besuchern, die erstmalig nach Neuseeland kommen wie auch von den ausgewiesenen Kennern des Landes eine ungebrochene Schwärmerei über die allerorten anzutreffende einzigartige und vielfältige Vegetation. Was sind die bunten Motive der Postkarten, die es in einigen Shops immer noch gibt, gegen die beeindruckende Wirklichkeit. Und manche Fotos, von den langen felsigen Küstenstreifen und Gebirgszügen oder den dunkelblauen Seen, von den Fjorden und Gletschern wirken so perfekt mit kräftigen Farben wie das Bild eines Malers. Diese Effekte schafft kein Photoshop, sondern ein besonderes Leuchten über Neuseeland. Hier herrscht noch eine gänzlich klare Luft, nahezu staubfrei fernab dem industrialisierten Europa. In Neuseeland fehlen seit jeher die Industrieschlote und ein übriges tun die starken Meereswinde, die den Staub hinaus in die Weiten des Pazifik blasen. Und allerorten thronen über den Bildmotiven bizarr geformte Wolkenfelder und schaffen mitunter eine melancholische Stimmung.

Nicht zufällig gibt es in Neuseeland das weltgrößte „Dark Sky Reserve“ um Aoraki mit einem kleinen Observatorium auf dem Mt. Cook. Und allerorten werden Beobachtungen der Sterne angeboten wie beispielsweise auf dem Mt. John.

Observatorium auf dem Mt John. Foto: Ronald Keusch
Observatorium auf dem Mt John. Foto: Ronald Keusch

Zweitens: Die Wunderwelten der Natur

Von Auckland etwa 120 Kilometer Richtung Norden entfernt, erstreckt sich an der Westküste der Waipoua Kauri Forest. Hier stehen die Überreste des einst die gesamte Nordinsel bedeckenden tropischen Regenwaldes. Das Forest Visitor Centre in Matakohe präsentiert seinen Besuchern ganz unaufgeregt den Star des Urwaldes. Diese Rolle hat ganz zweifellos der Kauri-Baum übernommen, dessen Exemplare bis zu 4.000 Jahre alt werden. Seit der Besiedlung von Neuseeland schon durch Urbarmachung mittels Brandrodung dezimiert, wurden die Giganten ein Exportschlager und drohten der Holzindustrie zum Opfer zu fallen, bis die Regierung die Riesenbäume vor 60 Jahren unter Naturschutz stellte. Die ersten Siedler aus dem Ost-Pazifik fanden vor 800 Jahren Inseln vor, die zu 95 Prozent mit Wald und Bergen und nur zu 5 Prozent mit Grasland bedeckt waren. Bis 1840 reduzierte sich der Waldbestand auf 55 Prozent. Heute liegt der Wert noch bei 25 Prozent.


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Ein großes Thema im Besucherzentrum ist auch das Kauriharz. Nach ihm wurde viele Jahrzehnte intensiv wie nach Goldnuggets gegraben, als Bernstein exportiert sowie sehr vielfach künstlerisch bearbeitet. Das Zentrum rühmt sich, über die größte Harz-Ausstellung der Welt zu verfügen.

Nur wenige Kilometer weiter auf dem Highway 12 kann der Besucher den größten noch existierenden Baum im Kauri Forest selbst in Augenschein nehmen.

Tane Mahute 2000 Jahre alt. Foto: Ronald Keusch
Tane Mahute 2000 Jahre alt. Foto: Ronald Keusch

Abenteuerlich ist wie zu den meisten Naturwundern in Neuseeland schon der gut präparierte Weg durch den immergrünen Urwald mit seinen riesigen Farnblättern. Nach 12 Minuten Fußweg steht man dann vor ihm und hält den Atem an: Tane Mahuta. Seine Gesamthöhe beträgt 51,5 Meter, der Umfang seines Stammes misst 31,8 Meter und sein Alter wird auf 2000 Jahre geschätzt. Nach der Kosmologie der Ureinwohner ist Tane der Sohn von Ranginui, dem Himmelsvater und Papatuanuku, der Mutter Erde. Für die weißen Siedler heißt er nur: The Lord of the Forest. Und für die Touristen ist es ein einmaliger Anblick.

Drittens: Vulkane und heiße Quellen

Die kleine Ortschaft Rotorua am gleichnamigen See ist der exzellente Anlaufpunkt, um sich die dampfenden Naturwunder, die natürlichen Öffnungen der Erdkruste zu betrachten. Rotorua ist quasi die Welthauptstadt der am besten zugänglichen Geothermalgebiete. Und auch die an einigen Stellen damit verbundene Duftnote von aufsteigendem Schwefelwasserstoff (Geruch von faulen Eiern) bremst keineswegs die Neugier der Touristen. Mitten in Rotorua liegt der Kuirau-Park, angelegt in bester englischer Gartenbau-Tradition. Hier steht auch eine Anlage, die geothermisch den heißen Untergrund für die Energieproduktion nutzt sowie außerdem ein überdachtes Tauchbecken mit warmem Thermalwasser, in dem jeder seine Füße baden kann.

Auftritt von Geysir Lady Knox. Foto: Ronald Keusch
Auftritt von Geysir Lady Knox. Foto: Ronald Keusch

Doch der Park mit seinen rauchenden Thermalquellen und kleinen dampfenden Kratern ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf das 30 Autominuten entfernte Wai-O-Tapu Wonderland der heißen Quellen nahe der Ortschaft Tapu. Das Waiotapu Thermal-Gebiet hat auf einer Fläche von 18 Quadratkilometern jede Menge kollabierte Krater, heiße und kalte Seen, hoch kochende Schlammtümpel und dampfende Erdspalten zu bieten. Alles das ein Ergebnis von Vulkanen, die vor 160.000 Jahren ausbrachen und diese bizarre Landschaft formten.

Pünktlich um 10.15 Uhr tritt dann täglich Geysir Lady Knox auf. Wie in einem Amphitheater haben sich hunderte Touristen auf langen Sitzreihen versammelt. Mit der Zugabe von seifigen Tensiden beginnt der Geysir gehorsam eine bis zu zehn Meter hohe Wasser-Chemikalien Fontäne nach oben zu schießen. Hunderte von Kameras aller Formate und Größen starten ein heftiges Klick-Feuerwerk – Alltag im Massentourismus.


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Auf den Wanderwegen im Gelände ist viel zu bestaunen. Da gibt es schwefelreich dampfende Krater (Devil`s home), runde Schlammtümpel (Devil`s Ink Pots – Tintenfässer des Teufels), den Champagne Pool und Devil`s Bath, ein Kratersee mit grüner Wasserfarbe.

Nicht weit entfernt kann der Tourist in der Nähe des Sees Tarawereaein anderes Ergebnis von Vulkantätigkeit besichtigen. Hier ist in einem Museum mit einer großen gepflegten Parkanlage das von Vulkanasche und Vulkanschlamm begrabene Dorf Te Wiaroa zu besichtigen. Im Jahr 1886 hatte der Vulkan Tarawera große Teile des Dorfes unter einer Schlamm- und Geröllschicht begraben. Das Leben mit Naturgewalten.

Viertens: Der grüne Abenteuerspielplatz

Wer in der Millionenstadt Auckland in der City an der Haltestelle Kreuzung Victoria/Federal Street ein paar Minuten auf den Bus wartet, kann mit einem Erlebnis der besonderen Art rechnen. Die Haltestelle befindet sich direkt neben dem Sky-Tower, einem Wahrzeichen der Stadt. Irgendwann bildet sich ein kleiner Menschenauflauf, nach ihrem Aussehen meist Touristengruppen. Allen gemeinsam ist, dass sie nach oben schauen. Der Sky-Tower hat auf 194 Meter Höhe eine Plattform für den Sky jump. Die Springer werden in einem Tragegestell mit Seilen fest eingebunden. Der Sprung in die Tiefe endet drei Meter über dem Erdboden auf einer Rampe, wo der Springer vom Sprung-Team empfangen und mit Beifall begrüßt wird. Schaulustige bleiben stehen, für die Einheimischen ist es Alltag und keinen Blick wert.

Bungee jumping vom Sky Tower. Foto: Ronald Keusch
Bungee jumping vom Sky Tower. Foto: Ronald Keusch

Nicht nur an dieser Stelle in Auckland wird der Reisende daran erinnert, dass der Neuseeländer Hackett 1986 erstmalig das Bungee-Jumping mit einem belastbaren Gummiseil ausprobierte und kommerziell erfolgreich mit einem Unternehmen weltweit einführte. Und seine Landsleute sowie zunehmend die Urlauber treiben gern Sport unter freiem Himmel, wenn möglich mit erhöhter Adrenalin-Ausschüttung. An der Westküste der Südinsel, entlang des Buller River, ist die längste Hängebrücke des Landes gespannt. So ist es auch nicht überraschend, dass der Besucher nicht nur die 110 Meter lange wackelige Brücke zu Fuß überqueren kann. Am anderen Ufer ist eine Seilrutsche Installiert, mit der die Mutigen entweder liegend oder sitzend auf einem 160 Meter langen Drahtseil zur anderen Seite des Flusses sausen.

Doch als erstrangiger Abenteuerspielplatz der Nation Neuseeland gilt zweifellos Queenstown. Hier läuft der Funsport auf Hochtouren und ein großes Aktion-Programm mit Bungee Springen, Rafting, Swinging und Tandem-Fallschirmspringen. Fährt man mit der Gondelbahn auf den Hausberg Bob`s Peak, schaut man auf den See und da ist auch jede Menge los, Jetboating und sich am Fallschirm mit einem Motorboot über den See ziehen lassen.

Fünftens: Faszination von Geschichte und Kultur der Maori

Wer sich die Zeit für eine Rundreise durch Nord- und Südinsel von Neuseeland nimmt, wird an unzähligen Orten auf die Kultur und die Geschichte der Maori treffen, der ersten Besiedler des Landes vor 800 Jahren. Eine wichtige Station ist der kleine Ort Waitangi auf der Nordinsel, der Geburtsort der Nation Neuseeland, wie es in der offiziellen Lesart heißt. Hier wurde im Jahr 1840 vom Vertreter der britischen Krone, William Hobson sowie von 40 Maori-Häuptlingen der Vertrag von Waitangi geschlossen und damit die Kolonialisierung des Landes durch die damalige Weltmacht Großbritannien festgeschrieben.

Das modern gestaltete Museum informiert mit viel Realismus über Zustandekommen und Inhalt des Vertrages. Viele Häuptlinge wurden damals nicht gefragt oder verweigerten die Unterschrift. Der Vertrag entrechtete die Stämme der Maori und ermöglichte den britischen Siedlern und dem englischen Staat die Eroberung und Aneignung des Landes und seiner Bodenschätze.

Maori-Künstlergruppe in Waitangi. Foto: Ronald Keusch

Hier ist das weltweit größte kunstvoll mit Schnitzereien geschmückte Kriegskanu (35 Meter) ausgestellt, das aus zwei Kauri-Bäumen gebaut wurde. Beim Rundgang wird dem Besucher auch Maori-Folklore geboten. Wild entschlossene Krieger mit Speeren und Messern, die bei dem rituellen Kriegstanz Haka grimmig schauen und auch mal die Zunge herausstrecken. Die jungen Frauen singen Lieder in der Sprache ihrer Vorfahren und bewegen sich hier unter Begleitung eines Gitarrenspielers mit roten und weißen Softbällen an langen Bändern wie Cheerleader in der Football-Arena.

Was hier in Waitangi an Maori-Kultur zu kurz kommt, holt das moderne National-Museum Te Papa in Wellington ausgiebig nach. Es wird nicht nur umfangreiche Kunst der Maori, sondern sogar symbolisch ein Versammlungshaus der Maori ausgestellt. Und der Besucher erhält viele Informationen aus der Sichtweise und Perspektive der Maori selbst.

Auch im Otago Museum auf der Südinsel in Dunedin spielen die Geschichten um die ersten Siedler und die Maori die Hauptrolle. Etwa 140 Walfänger und Robbenjäger heirateten einheimische Frauen und hatten mit ihnen Kinder, oft ermutigt durch die Häuptlinge der Maori-Stämme. Solche Zahlen allein sagen viel über die Integration der Maori in die Gesellschaft Neuseelands. Eindrucksvoll ist ein großer Ausstellungsraum, an dessen vier Wänden hunderte von Bildern angebracht sind, die zu unterschiedlichen Zeiten im 19. Jahrhundert nach Neuseeland einwanderten – gut für die Ahnenforschung.

Siedler-Porträts im Otago-Museum Dunedin. Foto: Ronald Keusch
Siedler-Porträts im Otago-Museum Dunedin. Foto: Ronald Keusch

Sechstens: Überraschend originell

Die Reiseautoren und Neuseelandkenner schwärmen seit jeher über die Freiheiten und den Nonkonformismus des Landes im Südpazifik. Wobei manche grell ausgemalten Eigenheiten der Einheimischen wie barfuß laufen und die Begrüßung mit Nasenküssen mittlerweile meist nur Kapitel der Legendenbildung schreiben. Doch auf originelle Überraschungen kann sich der Urlauber immer gefasst machen und freuen.

Toilette nach Hundertwasser in Kawakawa. Foto: Ronald Keusch
Toilette von Hundertwasser in Kawakawa. Foto: Ronald Keusch

Auf dem Weg zur Halbinsel Coromandel erreicht der Reisende den kleinen Ort Kawakawa mit einem ganz berühmten Örtchen. Hier steht direkt an der Hauptstraße das Klo, das der berühmte Friedensreich Hundertwasser in seinem Stil mit vielen bunten Säulen und Kacheln gestaltete – ein Denkmal, das selbstverständlich von Bewohnern wie Reisenden kostenlos genutzt wird. Der österreichische Künstler lebte in seinen letzten Jahren hier auf der Nordinsel.

Auf der Straße von der Goldgräberstadt Ross in Richtung des Franz-Josef Gletscher passiert man The Bushmans Centre, ein Restaurant mit vielen originalen Ausstellungsstücken der Farmer aus alten Zeiten und jede Menge englischem Humor. Auf einer Tafel mit den Speisen steht: Road kill Toasted Sandwiches. Da wird dem staunenden Gast erklärt: What`s in the Possum Pies? Das Possum ist ein nach Neuseeland eingeschlepptes kleines Beuteltier, das mit millionenfacher Vermehrung zu einer Plage wurde und nicht selten platt gefahren von Autos auf Landstraßen liegt. An diesem Tag war Possum nicht im Angebot.

Originelle Speisekarte. Foto: Ronald Keusch
Originelle Speisekarte. Foto: Ronald Keusch

Auf dem Weg in die Berge der Nordinsel nach Whakapapa village erreicht man den kleinen Ort Turangi. Das hier ansässige Vulcanic Aktivity Centre hat sich etwas ganz Besonderes für seine Besucher einfallen lassen. Es baute einen Erdbeben-Simulator in einen Ausstellungsraum, eine Kabine mit zwei Sitzbänken. Nach dem Drücken des Startknopfes wird einige lange Sekunden ein Beben der Stärke 6,3 erzeugt. Die Besucher werden durchgeschüttelt. Betätigt man einen roten Button, stoppt der Simulator. Im Durchschnitt ereilt Neuseeland alle zehn Jahre ein schweres Erbeben der Stärke sieben. Doch die vielen Neuseeland-Fans können sich trösten: die in jedem Jahr statt findenden tausenden von kleinen Beben sind kaum wahrnehmbar.

Ronald Keusch, März 2018

Titelfoto / Akaroa auf der Südinsel. / Foto: Ronald Keusch