Notre-Dame du Haut ist ein sehr außergewöhlicher Ort, geprägt von Le Corbusier und weiteren Architektur-Größen

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Es ist ein ungewöhnlich schöner Platz, zudem ein Ort von hoher historischer und spiritueller Bedeutung. Gemeint ist der Hügel Notre Dame du Haut, der sich über die Gemeinde Ronchamp in der Region Franche-Comté in der Nähe von Belfort erhebt. Südlich des Naturschutzgebiets „Ballon des Vosges“ gelegen, gibt er eine Panorama-Aussicht in alle vier Himmelsrichtungen preis. Im Norden hat man einen einmaligen Blick zu den Vogesen, im Osten zu der „Senke von Belfort“, im Süden über die ersten Juragipfel und im Westen über das Tal der Saône.

Eine ungewöhnliche Geschichte

Waren es die grandiosen Aussichten, die diesem Ort früher das Besondere gaben? Denn schon die Kelten und nach ihnen die Römer sollen hier eine spirituelle Kultstätte gesehen haben.

Irgendwann im 11. Jahrhundert errichtete dann die Kirche auf dem 470 Meter hohen Hügel von Ronchamp ein Gotteshaus. Soweit ist die Geschichte bisher eigentlich nicht so ungewöhnlich. Während der französischen Revolution wurde die Kapelle 1789 verkauft und anschließend zweckentfremdet. Und jetzt beginnt das Außergewöhnliche, in diesem Moment wurde sozusagen der Grundstein dafür gelegt, dass dieser Ort – wir übertreiben nicht – über 200 Jahre später über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist.

40 Familien aus Ronchamp wollten ihr Gotteshaus wiederhaben. Sie schlossen sich zusammen und kauften die Kapelle, führten sie wieder ihrer ursprünglichen Bestimmung zu. Seitdem erlebte das sakrale Bauwerk einige Veränderungen, war aber seit dem Kauf immer in Privatbesitz der Familien.

Kapelle Notre Dame du Haut in Ronchamp
Kapelle Notre Dame du Haut in Ronchamp

Eine weitere große Zäsur gab es während des Zweiten Weltkriegs. Bei der Rückeroberung von den deutschen Besatzern wurde die Kirche zerstört. Da nach dem diesem Krieg zahlreiche sakrale Bauten in Frankreich in Schutt und Asche lagen, stand man vor der Frage, was wie wiederaufgebaut werden sollte.

In der französischen Kirche gab es Protagonisten, die für den Neuaufbau namhafte Künstler und Architekten gewinnen wollten, welche die Gebäude in einer zeitgenössischen Interpretation mit einer modernen Sakralarchitektur neu entstehen lassen würden.

Bedeutende Architekten prägten den Hügel

Le Corbusier – wegweisend für die Moderne

Der Verein der Käufer der Kapelle wendete sich, unterstützt von der Commission d’Art Sacré von Besancon, an einen der einflussreichten Architekten seiner Zeit: Le Corbusier. Sicher vielen ein Begriff. Sein bürgerlicher Name lautete Charles-Édouard Jeanneret-Gris (1887 – 1965). Er vereinte gleich eine Anzahl von Berufungen auf sich – Architekt, Architekturtheoretiker, Stadtplaner, Schriftsteller, Designer, Maler, Zeichner und Bildhauer.

Der schweizerisch-französische Le Corbusier war zunächst aber alles andere als begeistert über das Ansinnen, denn er wollte keine Aufträge für Sakralbauten übernehmen. Dennoch, die Beharrlichkeit des Eigentümervereins und seiner Unterstützer führten schließlich zum Ziel. Bei seinem ersten Besuch des Hügels im Juni 1950 war Le Corbusier vom Ort so begeistert, dass er gleich einen ersten Entwurf zeichnete. Er soll auch bereits zu diesem Zeitpunkt entschieden haben, Beton als bestimmenden Werkstoff einzusetzen.

Kapelle Notre Dame du Haut in Ronchamp

Als Theoretiker wirkte Le Corbusier wegweisend für die Moderne. Er formulierte fünf Grundpfeiler als zentrale Merkmale der neuen Architektur: die Stützen, der Dachgarten, die freie Grundrissgestaltung, das Langfenster und die freie Fassadengestaltung.

Le Corbusier plädierte für eine rationelle Bauweise und die Verwendung von neuen Baustoffen, vor allem von Beton, dessen Reinheit er schätzte. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von „Brutalität“ oder „Brutalismus“, um die spezielle Ästhetik des Rohbetons auszudrücken.

Im Juli 2016 erhielten 17 Bauten von Le Corbusier aus sieben Ländern den Weltkulturerbe-Status der UNESCO, darunter natürlich die Chapelle Notre-Dame-du-Haut.

Wie eine weiße Arche

Am 25. Juni 1955 erfolgte die Einweihung der neuen Kapelle. Sie sieht wie eine weiße Arche aus, mit farbig verglasten Öffnungen. Die Dachkonstruktion aus rohem Beton soll an die Form eines Krebspanzers erinnern. Le Corbusier arbeitete hier mit den Materialien Beton, Stein, Holz, Gusseisen, Bronze, Email und Glas. Bausteine von der ehemaligen Kirche wurden für die Betonmauern verwendet. 16 Pfeiler aus Stahlbeton tragen das Dach.

Außer der Kapelle hat der berühmte Architekt noch zwei weitere Gebäude auf dem Hügel gebaut: Die Pilgerunterkunft und das Haus für den Kaplan. Seitwärts am Hügel errichtete er außerdem die Friedenspyramide, eine Gedächtnisstätte für die 1944 bei der Befreiung von Ronchamp gefallenen Soldaten. „Ich wollte einen Ort der Stille, des Gebets, des Friedens und der inneren Erbauung schaffen“, sagte Le Corbusier anlässlich der Einweihungsfeier.

Kapelle Notre Dame du Haut in Ronchamp

Was die Stille betrifft, war er besonders konsequent, denn die neue Kapelle verfügte zwar über Türme, aber sehr zum Leidwesen der Geistlichen vor Ort nicht über einen Glockenturm. Und so verwundert es nicht, dass unmittelbar nach dem Tod von Le Corbusier ein weiterer bedeutender Meister seiner Zeit den Auftrag zur „Nachrüstung“ erhielt.

Jean Prouvé – richtungsweisender Architekt

Der Metallkonstrukteur, Architekt und Ingenieur Jean Prouvé (1901 – 1984) setzte sich leidenschaftlich für Fragen der Arbeit und des Wohnungsbaus ein. Auch Prouvé schuf wie Le Corbusier ursprünglich keine Sakralwerke. „Ich versuchte Jean Prouvé für den Entwurf eines Glockenturms zu gewinnen, weil er mir am geeignetsten erschien für die Vollendung des verwaisten Werks von Le Corbusier. Zustimmung fiel ihm sehr schwer, da er die Konfrontation mit dem so herausragenden Werk und der Persönlichkeit Le Corbusiers fürchtete. Schließlich gab er meiner inständigen Bitte nach, nahm die Baustelle in Augenschein, zeichnete einige Skizzen und sagte im Weggehen: Das scheint mir machbar und wird nicht allzu teuer kommen….“, wird Abt Bolle-Reddat zitiert.

Die drei Glocken werden von einem einfachen Metallgestell getragen. Zwei ältere Glocken hatten 1944 die Bombardierung des Hügels überdauert. Die kleinste Glocke wurde eigens gegossen.


Fotostrecke Notre-Dame du Haut


Renzo Piano – der Stararchitekt

Für die Schwestern des Klarissen-Ordens, die auf Einladung des Eigentümer-Vereins AONDH ihr Domizil auf dem Hügel aufgeschlagen haben, um Spiritualität des Ortes zu stärken, fehlten die entsprechenden Räumlichkeiten. So erhielt 2006 Renzo Piano (geb. 1937) den Auftrag, den Hügel durch weitere Gebäude einen dauerhaften spirituellen Kontext zu geben.

Über Renzo Piano hier groß Worte zu verlieren, hieße wohl Eulen nach Athen tragen. Nur so viel: Piano schuf mit The Shard in London den höchsten Wolkenkratzer Europas und war auch bei der Bebauung des Potsdamer Platzes in Berlin stark involviert.

Klarissen-Kloster
Im Herbst 2011 stellte Renzo Piano ein neues Empfangsgebäude und ein Kloster mit Oratorium (Bethaus) für die Schwestern des Klarissen-Ordens fertig

Im Herbst 2011 stellte der Architekt ein neues Empfangsgebäude und ein Kloster mit Oratorium (Bethaus) für die Schwestern des Klarissen-Ordens fertig. Diese leben hier in einer kleinen Gemeinschaft. Vom Kloster ist lediglich das Oratorium für die Öffentlichkeit zugänglich. Die Klostergebäude sind in den Hügel integriert, verfügen aber ähnlich wie Wintergärten über große Glasfronten zur Landschaftsseite hin und gestatten damit teilweise einen Blick auf die Arbeitsräume der Ordensschwestern.

Michel Corajoud – visionärer Landschaftsarchitekt

Das Wirken von Renzo Piano an Notre-Dame du Haut ist eng mit dem französischen Landschaftsarchitekten Michel Corajoud (1937 – 2014) verbunden. Vor seiner Tätigkeit als Landschaftsplaner arbeitete Corajoud bei Bernard Rousseau, einem früheren Mitarbeiter Le Corbusiers. In den 70er Jahren schließt sich Corajoud mit Stadt- und Landschaftsplanern zu dem Atelier d’Urbanisme et d’Architecture (AUA) zusammen. Michael Corajoud sah sich als Begründer einer Neuorientierung der Landschaftsgestaltung.

Im Ergebnis entstand ein harmonisches Architekturensemble der Kapelle Notre-Dame-du-Haut, aus dem Klarissen-Kloster, dem Campanile (separat stehender Glockenturm, wobei man an dieser Stelle nicht wirklich von einem Glockenturm sprechen kann) und dem Besucherzentrum.

Seit mehreren Jahrhunderten ist der Hügel ein Wallfahrtsort der Marienverehrung. Die bedeutendsten Tage sind der 15. August (Mariä Himmelfahrt) und der 8. September (Mariä Geburt).

Jährlich kommen 65.000 Besucher und Pilger, um Spiritualität und/oder das Ensemble von außergewöhnlicher Architektur und Landschaft zu erleben.

Ingo Paszkowsky

Tor aus Email
Kapelle Notre Dame du Haut in Ronchamp

Porterie von „Notre-Dame du Haut“

13, rue de la Chapelle
F- 70250 Ronchamp

GPS-Koordinaten:
Breitengrad: 47.704181
Längengrad: 6.621807399999966
N: 47°42’15.052“
E: 6°37’18.506“

Information: +33 (0)3 84 20 65 13, accueil@collinenotredameduhaut.com

Öffnungszeiten:

Das ganze Jahr geöffnet (außer am 1. Januar)
Bis zum 30. April: 10.00 – 17.00 Uhr
Vom 1. Mai bis zum 13. Oktober: 9.00 – 19.00 Uhr
Ab 14. Oktober: 10.00 – 17.00 Uhr
Letzter Zugang: 30 Minuten vor Schließung.

Eintritt:

Erwachsene: 8€
Abo-Karte: 10€
Studenten mit Studentenausweis (bis 30 Jahre): 6€
Kinder (8-17 Jahre): 4€
Freier Eintritt für Kinder unter 8 Jahren
Die Eintrittskarte ist für einen ganzen Tag gültig.

Es gibt auch einen Museumspass, der ein Jahr lang gültig ist. Mit diesem Pass hat man in rund 320 Museen, Schlössern und Gärten in Deutschland, Frankreich und der Schweiz kostenfreien Eintritt. Der Pass für 1 Erwachsenen kostet 112€. 5 Kinder unter 18 Jahren haben dazu freien Eintritt. Sie müssen nicht mit dem Passinhaber verwandt sein. Es gibt auch eine Ermäßigungsvariante.

Führungen sind auch in deutscher Sprache möglich. Auskunft und Buchung:
+33 (0)3 84 20 73 26, reservation@collinenotredameduhaut.com

Anfahrt:

Am besten per Auto. Rund 20 Kilometer von Belfort entfernt. Über eine letzte, kurze Strecke geht es steil bergauf. Kostenlose Parkplätze sind vorhanden.
Per Pedes: Von Ronchamp gibt es einen historischen Wanderweg. Man benötigt ca. 15 Minuten.

Die außerordentliche Vielfalt an Dorfkirchen und -kapellen in der Region wird von zwei Themenstraßen gewürdigt – den Wegen zur Romanik im Departement Saône-et-Loire und dem Netzwerk der Wandmalereien in der Puisaye (Departement Yonne) – zu denen auch die Kapelle gehört.

Weitere Informationen:

Webseite Colline Notre-Dame du Haut, Ronchamp (auch in deutscher Sprache)
Webseite von Ronchamp Tourisme (in französischer Sprache und etwas in englischer Sprache)
Webseite von Bourgogne-Franche-Comté Tourisme (auch in deutscher Sprache)

Titefoto / Symbolhaft für eine Epoche und einen Mann erhielt die Chapelle Notre-Dame-du-Haut als Meisterwerk von Le Corbusier den Status als Weltkulturerbe der UNESCO. / Foto: Ingo Paszkowsky

Quellen: Association pour l’oeuvre de Notre-Dame du Haut (AONDH), Bourgogne-Franche-Comté Tourisme, eigene Recherche

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