Nur noch einen kleinen Augenblick...

Im Burgund mit dem Hausboot unterwegs

Mindestens einmal im Leben Kapitän sein. Wer träumt nicht davon? Dieser Wunschtraum lässt sich erfüllen, auch ohne Kapitänspatent und sogar ohne Motorbootführerschein. Und zwar mit einem Hausboot, das man ohne „Papiere“ nach einer Einweisung selbst fahren kann. Trotz aller Aufregung am Anfang, so ein großes Boot unbeschadet steuern zu können, Manschetten braucht man davor nicht zu haben. Denn es ist wirklich nicht schwer.

Leinen los

Wir waren Ende April von Locaboat holidays eingeladen, in Frankreich drei Tage lang das Hausboot-Feeling zu testen. Locaboat ist einer der führenden Hausboot-Reiseanbieter in Europa. Startpunkt unseres Trips ist der Liegeplatz Chagny en Bourgogne. Wie der Name schon sagt, liegt Chagny im wunderschönen Burgund. Da der Taxi-Fahrer einige Zeit brauchte, um den Liegeplatz zu finden, wir dabei schon einiges von Chagny sahen, wartete Sales Manager Eric Claverie von Locaboat bereits auf uns. Schnell ging es noch per pedes nach Chagny, um den Kühlschrank an Bord zu befüllen.

Bevor es Leinen los hieß: Schlüssel ins Zündschloss, Schiffsdiesel einige Sekunden „vorglühen“ und starten. Der Motor blubbert leise und das Boot vibriert kaum merklich. Wir haben eine Pénichette mit Flying Brige, was bedeutet, dass das Boot nicht nur über eine „Terrasse“ verfügt, sondern auch mit zwei Steuerständen – innen und außen – ausgestattet ist. Man kann also gemütlich oben sitzen – bitte an eine geeignete Kopfbedeckung denken, um sich vor Sonnenbrand zu schützen – und durch die Kanäle schippern. Sollte es regnen, ist eine Etage tiefer ja der vor Unwetter geschützte Steuerstand. Die Leinen werden eingeholt und der Steuerhebel sanft nach vorn gedrückt. Der Motor dreht hoch und unser Boot setzt sich in Bewegung. Zunächst ist ungewollt ein kleiner Zickzack-Kurs auf dem Kanal angesagt. Zum Glück kommt uns niemand entgegen.

 

Mit einem knarrendem Geräusch öffnen sich die Tore. Foto: Ingo Paszkowsky
Mit einem knarrendem Geräusch öffnen sich die schweren Tore. Foto: Ingo Paszkowsky

 

Ein Ruder ist kein Autolenkrad

Der erste Tag ist voller Anfängerfehler. Beispielsweise ist ein Ruder ist kein Autolenkrad. Soll heißen, selbst um geringe Richtungsänderungen, vor allen Dingen bei niedrigen Geschwindigkeiten zu erreichen, ist enormes Drehen angesagt. Bei hohen Geschwindigkeiten wird weniger am Ruder gedreht. Apropos Geschwindigkeiten: die normale Reisegeschwindigkeit liegt bei 8 bis 10 km/h. Ist es mal sehr eilig, kann man auch bis 12 Kilometer in der Stunde fahren. Aber eigentlich sollte diese Drehzahl nur eingestellt werden, wenn starke Gegenströmungen herrschen, sagt Eric. Dieses langsame Gleiten durch die Kanäle auch ist genau die richtige „Geschwindigkeit“, besser Langsamkeit, um die bezaubernde Landschaft der Bourgogne auf sich wirken zu lassen.

Obwohl die Kanäle auf jeden Fall so breit sind, dass zwei sich begegnende Hausboote problemlos aneinander vorbeifahren können, steigt anfangs der Puls bei dem doch sehr seltenen Gegenverkehr. Der Bootsführer, der uns als erster entgegenkommt, scheint auch etwas erschrocken zu sein, als er uns nach der Biegung entdeckt. Er hat sein Boot vermutlich ebenfalls erst vor Kurzem entgegen genommen. Kurz nach dem Sichtkontakt stoppt er abrupt. Stoppen bedeutet, Steuerhebel kurz in Null-Position bringen und dann den vollen „Rückwärtsgang“, bis das Boot sich nicht mehr vorwärts bewegt.

Das war nicht sehr klug von dem Verkehrsteilnehmer, denn nun treibt sein Boot auf die Mitte des Kanals zu. Wir haben unsere Geschwindigkeit verlangsamt. Plötzlich ist ein lautes Brummen zu hören. Unser Gegenverkehr hat sein Bugstrahlruder eingesetzt und bugsiert dadurch sein Boot wieder mehr an die Kanalseite. Ich höre Eric etwas von Anfänger murmeln. Erst am Ende unseres Trips wird er mir erzählen, dass unser Boot auch über eine auch Querstrahlsteueranlage verfügt, die wir natürlich nicht verwendet haben, weil die „herkömmliche“ Steuerung per Ruder ausreichend ist. Alte Schule sozusagen. Unsere erste Begegnung mit einem entgegenkommenden Boot verlief – wie alle weiteren – natürlich ansonsten reibungslos.

 

Dieses Pénichettes-Modell verfügt über zwei Steuerstände. Foto: Ingo Paszkowsky
Dieses Pénichette-Modell verfügt über zwei Steuerstände. Foto: Ingo Paszkowsky

 

Kaum Berufsschiffahrt

Nur noch kurz erwähnen will ich, dass Berufsschifffahrt auf den Kanälen zwar vorhanden, aber sehr selten anzutreffen ist. Wenn einem so ein Koloss entgegenkommt, ist das natürlich ein Erlebnis. Die Berufsschifffahrt hat im Übrigen immer Vorfahrt. Obwohl derartige Schiff sehr lang und breit sind, zumindest gefühlt, so dass ich mich immer noch darüber wundere, wie sie in die engen Schleusen passen, sitzt am Steuer ein Berufsschiffer. Der kann den Riesenkahn zentimetergenau steuern – und das ist beruhigend.

 

 

Schleusen erfordern Teamarbeit

Die ersten Einfahrten in die Schleusen gestalten sich noch so: Oops, leider mit der Steuerbord-Seite leicht die Schleusen-Mauer berührt (ein Glück sind die Fender da). Boot treibt auf die Backbord-Seite, oops, wieder retten die Fender. Meist sind wir allein in einer Schleuse.

Unsere Pénichettes 1500FB ist das Flaggschiff, was die Größenverhältnisse betrifft. Es gibt bei Locaboot auch Bootstypen mit mehr Luxus. Eric stellt die Preisfrage: Was denken wir, wie hoch ist der Anschaffungspreis für diesen Hausboot-Typ? Die Antwort muss er selbst geben: 400.000 Euro, plus Mehrwertsteuer! Das hätte ich nicht vermutet.

Jedenfalls ist das Modell fast 15 Meter lang. Und das will erst einmal gerade, ohne zu touchieren, in eine Schleuse hineingesteuert werden. Man sollte es bereits 100 Meter davor „auf Linie“ bringen. Zunächst glaubt man es kaum, dass es möglich sein soll, in die Schleuse ein- und auch wieder auszufahren, ohne eine Schleusenwand zu berühren. Aber nach der zehnten Schleuse scheint das Passieren zur Routine zu werden. Und dann freut man sich auch über weitere Boote in der Schleuse zwecks Kontaktaufnahme.

Die Schleusen sind ein Erlebnis für sich. Hier ist Teamgeist besonders gefragt, denn das Boot muss über die Leinen in der Schleuse befestigt werden. Teilweise verursacht das abfließende und insbesondere zufließende Wasser erhebliche Turbulenzen. Besonders wenn man von „unten“ nach „oben“ will, sollte ein Helfer vor der Schleuse abgesetzt werden, der die Leinen über die Poller wirft und falls kein Schleusenwärter vor Ort ist, den Schleusenvorgang einleitet.

Dabei bleibt genügend Zeit, die Wunderwerke der Technik in ihrer Funktionsweise zu betrachten. Riesige Stahltore schließen sich hinter unserem Boot mit knarrenden Geräuschen. Wie im Fahrstuhl fährt man dann relativ zügig nach oben oder nach unten. Der Höhenunterschied beträgt teilweise mehrere Meter. Anschließend öffnen sich langsam die Tore vor uns – und weiter geht es.

 

Weinverkostung im Weingut Domaine de la Folie. Foto: Ingo Paszkowsky
Weinverkostung im Weingut Domaine de la Folie. Foto: Ingo Paszkowsky

 

Burgund ist von Weinstraßen und Schlemmerrouten durchzogen

Natürlich ist das Hausboot bestens dazu geeignet, die nähere Umgebung um die Wasserstraßen herum zu erkunden. Fast überall gibt es Weingüter, die zur Weinverkostung einladen, und hervorragende Restaurants. Auch die Stadt Chalon-sur-Saône mit einem schönen, historischen Stadtkern ist einen längeren Aufenthalt wert. Im Herzen Burgunds ist Chalon-sur-Saône ein bevorzugter Ort der Gastronomie, gute Weine und gutes Essen sind hier Kultur. An jeder Straße und auf der Ile Saint-Laurent, ein malerisches Viertel der Stadt, wetteifern Restaurants mit schmackhaften Gerichten, geschätzt von Feinschmeckern aller Nationalitäten, heißt es in einem Prospekt des Fremdenverkehrsamtes von Chalon. Und ich kann das nur bestätigen.

Ingo Paszkowsky

 

Kochrezept: Pochierte Eier – eine Spezialität der Region

Wollen Sie zu Hause selbst ausprobieren, wie ein typisches Gericht aus Burgund mundet? Dann probieren Sie pochierte Eier „meurette“. Und hier kommt das Rezept:

Zubereitungszeit: 15 Minuten

Kochzeit: 45 Minuten

Zutaten (für 4 Personen) :

  • 1 bis 2 Eier pro Person
  • 100 g geräucherter Speck
  • 100 g Champignons
  • 1 Zwiebel
  • 1 Knoblauchzehe
  • 1 El. Mehl
  • 50 cl guten Rotwein
  • 1 Kräutersträußchen
  • 1 Würfelzucker
  • Butter
  • Salz, Pfeffer
  • einige Scheiben trockenes Brot für Croûtons

 

Zubereitung:

  • Speck in Würfel schneiden, Zwiebel und Champignons fein schneiden, Knoblauchzehe fein zerkleinern.
  • Die Champignons in einer Pfanne mit Butter goldbraun anbraten.
  • In einer zweiten Pfanne den Speck und Zwiebeln (falls nötig mit etwas Butter) andünsten.
  • Speck und Zwiebeln mit Mehl bestäuben und unter Rühren anschwitzen.
  • Den Wein, das Kräutersträußchen, die Champignons, Knoblauch und Würfelzucker zufügen.
  • Bei schwacher Hitze 45 Minuten einkochen lassen. Die Sauce sollte sämig sein.
  • Vor dem Servieren die Brotcroûtons in wenig Öl oder Butter im Ofen grillen und leicht mit Knoblauch einreiben.
  • Im letzten Moment die Eier, in einem großen Topf mit siedendem Wasser und etwas Essig, pochieren.
  • Croûtons und pochierte Eier im Teller anrichten und mit der Weinsauce begießen.

Guten Appetit!

Quelle: Fremdenverkehrsamt Grand Chalon

 

Kleine Kostprobe der französischen Küche. Foto: Ingo Paszkowsky
Kleine Kostprobe der französischen Küche. Foto: Ingo Paszkowsky

 

Pénichette 1500FB – die Daten

Die Modellreihe Pénichettes wurde direkt von Locaboat entwickelt. Sie besteht aus einem Glasfaserrumpf und einer speziellen Ausstattung.

Die Maße:

  • Länge: 14,90 Meter, Breite 3,85 Meter
  • Lichte Höhe: 2,90 Meter, Tiefgang: 0,85 Meter
  • Trinkwasserbehälter: 820 Liter
  • Dieselbehälter: 450 Liter, Dieselverbrauch: 5,1 Liter pro Stunde
  • Innenhöhe: Bug 1,90 Meter, Heck 1,98 Meter, Mitte 1,98 Meter
  • Bugstrahlruder

 

Die Ausstattung:

  • Vier Doppelkabinen (auf Wunsch jeweils mit zwei oder drei Einzelbetten), jeweils mit Nasszelle mit Dusche, Waschbecken und elektrischem WC. Übrigens: Der Stauraum ist gering, also nur das mitnehmen, was man unbedingt braucht.
  • Steckdosen mit 230 Volt sind vorhanden, funktionieren aber nur bei Landstromanschluss oder während der Fahrt.
  • Gekocht wird mit Flüssiggas.
  • Flying Bridge mit Tisch, Sitzbank und Stühlen.
  • Zentralheizung über Dieselbetrieb, auch wenn der Schiffsmotor nicht in Betrieb ist.
  • In Frankreich gibt es auf Wunsch eine WLAN-Box, sie kostet beispielsweise pro Woche 50 Euro. Diese erhalten Sie direkt bei Locaboat. Dann können alle mobilen Geräte via Mobilfunk über einen französischen Provider mit dem Internet verbunden werden. Wieviel Gigabyte in dem Tarif inklusive sind, ist mir nicht bekannt.
  • Fahrräder können ebenfalls dazu gemietet werden.

 

Die Stadt Chalon-sur-Saône verfügt über zahlreiche historische Gebäude. Foto: Ingo Paszkowsky
Die Stadt Chalon-sur-Saône verfügt über zahlreiche historische Gebäude. Foto: Ingo Paszkowsky

 

Wichtige Links:

www.locaboat.com – Führender Hausbootanbieter in Europa mit etwa 400 Booten in mehreren EU-Ländern

Zwei von Locaboat vorgeschlagene Routen:

Zwei Routen mit dem Hausboot durch das Burgund

 

Tipps für Hausbootfahrer:

Urlaub mit dem Hausboot – Tipps für Freizeitkapitäne

 

http://de.achalon.com/ – Tourismusamt von Grand Chalon

http://www.burgund-tourismus.com/ – Burgund Tourismus

http://www.weine-aus-dem-burgund.de/ – Mehr über Weine aus dem Burgund

http://www.domainedelafolie.fr/ – Inhabergeführtes, sehenswertes Weingut in Chagny. Webseite in französischer Sprache, aber die Inhaberin spricht englisch.

http://www.andre-delorme.com/en/ – Reichhaltiges Weinangebot. Besonders der Crémant Blanc Brut „André Delorme Prestige“ schmeckt einfach fantastisch. Weinverkostung auch in englischer Sprache.

 

Weitere Fotos:

Das ist jemand neugierig. Foto: Ingo Paszkowsky

 

Streetart unter einer Brücke. Foto: Ingo Paszkowsky

 

Burgund verfügt über zahlreiche Weingüter. Foto: Ingo Paszkowsky

 

Diese Dreiecke weisen in Chalon-sur-Saône den Weg zu den touristischen Sehenswürdigkeiten. Foto: Ingo Paszkowsky

 

Die Schleusensteuerung ist selbsterklärend. Foto: Ingo Paszkowsky

 

Ein Kleinod: Historische Kirche. Foto: Ingo Paszkowsky

 

Ist ein größerer Höhenunterscheid zu überwinden, sollte man die Schwimmpoller benutzen. Foto: Ingo Paszkowsky

 

Das Maison Lameloise (im Hintegrund) ist Hotel und Restaurant. Das Restaurant wurde seit seinem Bestehen mit zahlreichen Michelin-Sternen ausgezeichnet http://www.lameloise.fr/us/

 

Auf unserem Trip kam es selten vor, dass eine Schleuse, wie in diesem Fall, belegt war. Foto: Ingo Paszkowsky

 

 

Reiseberichte.com

 

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