Max Kuhn? Nie gehört? Mir ging es bis vor Kurzem genauso. Fast war ich mit dem Sichten der Hinterlassenschaften meiner Mutter fertig, als ich in einer letzten Kiste neben Fotoalben mit mir völlig unbekannten Personen auf einen alten Jahresband von Über Land und Meer. Allgemeine Illustrirte Zeitung stieß. Beim Durchblättern entdeckte ich einen Reisebericht aus dem Lechtal – illustriert und verfasst von Max Kuhn.
Kuhn, 1838 geboren und 1888 in München gestorben, war Landschafts- und Architekturmaler sowie Lithograf. In seinem 1869 veröffentlichten Bericht nimmt er die Leser mit auf eine Reise durch das damalige Tirol und Allgäu. Seine Zeichnungen und Beobachtungen lassen eine Landschaft erkennen, die erstaunlich vertraut und zugleich weit entfernt erscheint.

Mit der Karriolpost durchs Lechthal
Früh um sechs Uhr beginnt an einem Septembermorgen eine Reise, die heute wie ein Blick in eine andere Welt wirkt. In Reutte steigt Max Kuhn in ein offenes Wägelchen der „lechthaler Karriolpost“. Links fließt der Lech, über den Wiesen liegt der Morgennebel, und über dem Tal erheben sich die Felswände des Thanellers. Kuhns Bericht erschien 1869 in den Nummern 39 und 40 von Über Land und Meer. Allgemeine Illustrirte Zeitung und wurde von mehreren seiner eigenen Zeichnungen illustriert.
Schon der Beginn zeigt, was diesen historischen Reisebericht so reizvoll macht. Kuhn interessiert sich weniger für Sehenswürdigkeiten im heutigen Sinn als für Landschaft, Licht und Wetter. Die Wolken ziehen über die Gipfel, plötzlich bricht die Sonne durch, und die Berge verlieren ihre „neblige Schlafmütze“. Während der Reisende heute auf derselben Strecke auf asphaltierter Straße unterwegs ist, sitzt Kuhn in einem offenen Postwagen.
Von Reutte nach Weißenbach
Der erste Abschnitt führt durch das Tal nach Weißenbach. Eine der Illustrationen zeigt Reutte mit dem Thaneller und der Ruine Ehrenberg. Die Landschaft ist eindeutig wiederzuerkennen – auch wenn die Siedlungen inzwischen erheblich gewachsen sind.
In Weißenbach endet für Kuhn zunächst die Fahrt mit der Karriolpost. Dort erhält er von seinem aus dem Lechtal stammenden Kutscher einen Rat, der den weiteren Verlauf seiner Reise verändert: Er solle unbedingt zur Gaicht hinaufsteigen und das Tannheimer Tal besuchen.
Kuhn folgt der Empfehlung.
Hinauf zur Gaicht
Von Weißenbach steigt Kuhn zu Fuß in Richtung Gaicht. Er passiert eine Mühle und eine kleine Kapelle. Die Stelle nennt er „Unter der Gacht“. Genau diese Landschaft wählte er auch für die große Illustration auf der Titelseite der Zeitung.

Seine Beschreibung ist ausgesprochen bildhaft. Steile Felswände schließen den engen Pass ein, unten rauscht der Weißenbach. Kuhn erwähnt Wettertannen, Rhododendren, Zwergkiefern und Moose. Die Gaicht ist für ihn kein bloßer Verkehrsweg, sondern bereits ein Naturerlebnis.
Nach etwa einer Stunde erreicht er die Höhe und blickt zurück über Wälder und Schluchten.
Rauth, Nesselwängle und der Haldensee
Hinter der Gaicht verändert sich die Landschaft. Kuhn kommt nach Rauth und anschließend nach Nesselwängle. Besonders die mit Blumen geschmückten Häuser fallen ihm auf.
Dann erreicht er den Haldensee. Für den Zeichner und Reiseschriftsteller ist er ein nahezu ideales Landschaftsmotiv: tiefgrüne Fluten, Schilf, Seerosen und wilde Rosenhecken – dahinter die markanten Gipfel des Tannheimer Tales.
Hier endet der erste Teil seines Zeitungsberichtes. Doch die eigentliche Rundreise hat gerade erst begonnen.
Durch das Tannheimer Tal ins Allgäu
Im zweiten Teil reist Kuhn an Haller und Haldensee vorbei nach Tannheim. Von dort besucht er den Vilsalpsee und zieht anschließend über Schattwald zur Grenze zwischen Tirol und Bayern.
Über das Oberjoch gelangt er nach Hindelang und weiter nach Sonthofen. Die Stadt charakterisiert er als „Käse-Eldorado“ – eine Formulierung, die zeigt, dass regionale Produkte schon damals zur Wahrnehmung einer Reiselandschaft gehörten.
Von Sonthofen führt Kuhns Weg nach Oberstdorf. Für heutige Leser wird seine Reise nun besonders interessant: Denn anstatt auf bequemem Weg zurückzufahren, entscheidet er sich für die Überquerung der Berge.
Zu Fuß über das Mädelejoch
In Oberstdorf nimmt Kuhn einen Führer. Die beiden wandern am Christlessee vorbei nach Spielmannsau. Über ihnen erhebt sich die Mädelegabel.
Von dort beginnt der alpine Teil der Reise. Über die Mädelealp und den Mädelepass – das heutige Mädelejoch – geht es über den Allgäuer Hauptkamm zurück nach Tirol. Kuhn berichtet von Wasserfällen, Schluchten sowie den Roßgumpen mit ihren Klammen und Brüchen.
Schließlich erreichen die Wanderer Holzgau. Damit ist Kuhn wieder im Lechtal.
Bemerkenswert ist, dass diese Verbindung auch mehr als anderthalb Jahrhunderte später existiert. Der heutige Wanderweg führt von Holzgau durch das Höhenbachtal über die Roßgumpenalpe und das Mädelejoch zur Kemptner Hütte. Für die Bergtour sind Trittsicherheit und passende alpine Ausrüstung erforderlich.
Holzgau vor mehr als 150 Jahren
Eine der beiden großen Illustrationen des zweiten Teils zeigt Holzgau mit der Mädelegabel und den Kratzerspitzen im Hintergrund. Die Häuser liegen dicht um den Kirchturm, dahinter steigen nahezu unverbaute Berghänge auf.

Der historische Stich ist besonders interessant für einen heutigen Vergleich. Holzgau besitzt noch immer ein auffälliges Ortsbild; etliche Häuser tragen kostbare spätbarocke Fassadenmalereien, die als Lüftlmalereien bekannt sind. Hinzugekommen ist allerdings eine Attraktion, die Kuhn kaum hätte vorhersehen können: Über die Höhenbachtalschlucht spannt sich heute eine rund 200 Meter lange und 110 Meter hohe Fußgängerhängebrücke.
Abstecher nach Kaisers
Von Holzgau zieht Kuhn zunächst lechaufwärts über Steeg in das Seitental nach Kaisers. Dort beeindruckt ihn weniger die Schönheit als die Härte des Lebens.
Er berichtet von Lawinen, strengen Wintern und den Gefahren, denen die Bewohner ausgesetzt seien, wenn sie auf steilen Berghängen Gras für ihr Vieh gewinnen.
Kaisers ist bis heute ein außergewöhnlich kleiner und hoch gelegener Ort. Die Gemeinde liegt auf 1.518 Metern und hat nicht einmal 80 Einwohner. Heute gehört sie zu den sogenannten Lechtaler Auszeitdörfern.
Am grünen Lech zurück nach Weißenbach
Kuhn kehrt nach Holzgau zurück und folgt anschließend dem Fluss talabwärts. Seine Route führt über Elbigenalp, Häselgehr, Elmen und Forchach wieder nach Weißenbach.

Dabei findet sich eine Formulierung, die wie eine Verbindung zwischen Kuhns historischem Bericht und der Gegenwart wirkt. Kuhn beschreibt den Lech als klaren und hellgrün über Gestein und Kies fließenden Fluss.
Gerade dieser Anblick gehört noch heute zu den Besonderheiten des Tiroler Lechs.
Was Kuhn damals als faszinierende Landschaft erlebte, steht heute zu großen Teilen unter besonderem Schutz. Seit 2000 gehört der Tiroler Lech zum europäischen Natura-2000-Netz. 2004 folgten das Prädikat „Naturpark Tiroler Lech“ per Verordnung und die Auszeichnung als Naturschutzgebiet.
Vieles entlang seiner Route hat sich seitdem verändert, manches erstaunlich wenig. Wie das Lechtal heute aussieht, schildern wir im zweiten Teil unserer Zeitreise.
Titelbild / Reutte mit Thaneller und Ruine Ehrenberg: Originalzeichnung von Max Kuhn, veröffentlicht 1869 in „Über Land und Meer. Allgemeine Illustrirte Zeitung“, Nr. 39. / Zeichnung: Max Kuhn / Scan: Ingo Paszkowsky
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