Wildfluss Lech mit breitem Kiesbett, bewaldeten Ufern und Bergen im Tiroler Lechtal

Auf den Spuren des Malers Max Kuhn: Das Lechtal rund 160 Jahre später

Im ersten Teil unserer Zeitreise folgten wir dem 1869 veröffentlichten Bericht von Maler Max Kuhn: „Das Lechthal“ (Tyrol). Dabei ging es mit der Karriolpost von Reutte nach Weißenbach, über die Gaicht ins Tannheimer Tal und später zu Fuß über den Allgäuer Hauptkamm zurück ins Lechtal.

Fast 160 Jahre nach der Veröffentlichung stellt sich die Frage: Was würde Kuhn heute wiedererkennen? Erstaunlich viel, lautet die Antwort. Der Lech fließt weiterhin durch ein breites Bett mit Kiesbänken und Seitenarmen, historische Ortsbilder sind erhalten und große Teile der beschriebenen Route lassen sich noch nachvollziehen. Gleichzeitig prägen Naturschutz, Straßen, Buslinien, Hängebrücken und der Lechweg das Tal von heute. Dieser zweite Teil folgt Kuhns Spuren in die Gegenwart.

Ein Reisebericht von 1869, dessen Route heute noch nachvollziehbar ist

157 Jahre nach Veröffentlichung des Reiseberichts von Maler Max Kuhn lässt sich ein erstaunlich großer Teil der von ihm beschriebenen Route noch immer nachvollziehen. Die Verkehrsmittel haben sich geändert, Dörfer sind größer geworden und aus beschwerlichen Wegen wurden Straßen und Wanderwege. Die grundlegende Landschaft aber würde Kuhn vielerorts vermutlich wiedererkennen.

Besonders gilt das für den Lech.

Der Tiroler Lech gilt heute als letzter Wildfluss im nördlichen Alpenraum. Er kann sich über weite Abschnitte in einem breiten Flussbett verzweigen, Kies- und Schotterbänke umlagern und seinen Lauf verändern. Die charakteristische hellblau-türkise Farbe entsteht nach Angaben des Naturparks unter anderem durch niedrige Wassertemperaturen, wenig Plankton und einen hohen Mineralgehalt.

Damit beschreibt die heutige Naturparkverwaltung mit wissenschaftlichen Begriffen im Grunde genau jene Landschaft, die Kuhn in seinem 1869 veröffentlichten Bericht bewunderte.


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Aus einer Reiselandschaft wird ein Schutzgebiet

Zu Kuhns Zeiten gab es weder Naturparks noch Natura-2000-Gebiete. Heute stehen große Teile dieser Landschaft unter Schutz.

Seit 2000 gehört der Tiroler Lech zum europäischen Schutzgebietsnetz Natura 2000. 2004 wurde das rund 41 Quadratkilometer große Gebiet als Naturschutzgebiet ausgewiesen und erhielt das Prädikat „Naturpark“. Zum Schutzgebiet gehören neben dem Fluss unter anderem Auen, Überflutungsbereiche, Seitenbäche und angrenzende Lebensräume.

Dass diese Landschaft erhalten blieb, ist keineswegs selbstverständlich. Naturnahe Wildflussgebiete sind in Mitteleuropa selten geworden.

Reutte und Ehrenberg

Eine von Kuhns Illustrationen zeigt Reutte mit dem Thaneller und der Ruine Ehrenberg.

Die Ruinen sind geblieben, ihre touristische Nutzung hat sich allerdings gründlich verändert. Zur Burgenwelt Ehrenberg gehört heute die highline179. Die 406 Meter lange Fußgängerhängebrücke verbindet die Burgruine Ehrenberg mit dem Fort Claudia und verläuft bis zu 114,6 Meter über dem Tal der B179. Offiziell eröffnet wurde sie am 22. November 2014.

Über die Gaicht ins Tannheimer Tal

Auch Kuhns Abstecher von Weißenbach über die Gaicht lässt sich heute problemlos nachvollziehen. Statt eines schmalen Passweges führt die B199 über den Gaichtpass nach Nesselwängle.

Und selbst ohne Auto funktioniert die Verbindung: Die Buslinie 120 verbindet 2026 Reutte beziehungsweise Weißenbach mit Gaicht, Rauth, Nesselwängle, Haldensee, Tannheim und weiter über Schattwald bis Oberjoch.

Rauth, Nesselwängle und Haldensee – jene Orte, die Kuhn ausführlich beschreibt – liegen also noch immer direkt auf derselben Verkehrsachse.

Vilsalpsee: Naturerlebnis mit Regeln

Auch den Vilsalpsee würde Kuhn wiedererkennen. Heute ist die Umgebung allerdings Naturschutzgebiet und entsprechend stärker reguliert.

Im Sommer fährt die Buslinie 121 zwischen Tannheim und Vilsalpsee. Der See kann zu Fuß umrundet werden; Schwimmen ist in einem ausgewiesenen Bereich am Nordostufer erlaubt. Stand-up-Paddling, Kanu- und Kajakfahren, Rudern und Sporttauchen sind dagegen untersagt.

Wo Kuhn die Landschaft ohne die heutigen Schutzbestimmungen und Formen der Besucherlenkung erlebte, treffen heute Naturerlebnis und Naturschutz aufeinander.

Von Oberstdorf wieder nach Tirol

Am spannendsten ist vielleicht der alpine Abschnitt von Kuhns Reise.

Christlessee und Spielmannsau existieren selbstverständlich noch immer als bekannte Ziele im Trettachtal. Im Sommer fährt heute sogar eine Bergsteigerbuslinie von Oberstdorf in Richtung Christlessee und Spielmannsau.

Auch die Verbindung über das Mädelejoch nach Holzgau ist erhalten geblieben. Der Weg führt heute von Holzgau durch das Höhenbachtal, am Simmswasserfall vorbei und über die Roßgumpenalpe zum Mädelejoch und weiter zur Kemptner Hütte. Als Kuhns Bericht erschien, existierte die Kemptner Hütte noch nicht: Sie wurde erst 1891 eingeweiht.

Die Passage macht deutlich, wie anders Bergreisen damals organisiert waren: Kuhn überschritt den Gebirgskamm noch in einer Zeit, bevor ein dichtes Netz von Alpenvereinshütten die Bergwelt erschloss.

Holzgau: Historisches Dorf und moderne Hängebrücke

In Holzgau dürfte Kuhn noch einiges bekannt vorkommen. Zahlreiche Gebäude tragen bis heute reich verzierte Fassaden und Lüftlmalereien. Gleichzeitig gehört der Ort heute zu den touristisch bekanntesten Stationen des Lechtals.

Wie sehr das Ortsbild noch an frühere Zeiten erinnert, zeigt der Vergleich zwischen Max Kuhns Zeichnung von 1869 und einer heutigen Aufnahme. Zwar unterscheiden sich die Blickwinkel, doch die historische Bausubstanz und die charakteristischen Fassadenmalereien vermitteln weiterhin einen Eindruck vom alten Holzgau.

Die auffälligste moderne Ergänzung ist die Hängebrücke über die Höhenbachtalschlucht: Sie ist 200,5 Meter lang und 110 Meter hoch.

Sie liegt zugleich an einer der inzwischen wichtigsten touristischen Routen des Tales – dem Lechweg.

Holzgauer Hängebrücke über der bewaldeten Höhenbachtalschlucht im Tiroler Lechtal
In 110 Metern Höhe überspannt die Holzgauer Hängebrücke die Höhenbachtalschlucht und gehört heute zu den bekanntesten Attraktionen des Ortes. / Bild: Tiroler Lechtal/Gerhard Eisenschink

Auf alten Spuren: Der Lechweg

Wer die in Max Kuhns 1869 veröffentlichtem Bericht beschriebene Route heute zumindest auf einem Teil der Strecke zu Fuß nachvollziehen möchte, findet dafür beinahe ein modernes Gegenstück: den Lechweg – von der Quelle bis zum Fall. Der am 15. Juni 2012 offiziell eröffnete grenzüberschreitende Weitwanderweg begleitet den Lech auf rund 125 Kilometern vom Formarinsee in Vorarlberg über das Tiroler Lechtal und die Naturparkregion Reutte bis zum Lechfall im bayerischen Füssen. Die Route verbindet Österreich und Deutschland und ist in 15 Wegabschnitte gegliedert, die sich je nach Variante in sieben, acht oder zehn Tagen bewältigen lassen. Der Lechweg trägt das Prädikat „Leading Quality Trail – Best of Europe“ der Europäischen Wandervereinigung.

Besonders reizvoll sind die Abschnitte im Tiroler Lechtal, wo der Wanderweg immer wieder Ausblicke auf den weitgehend naturbelassenen Fluss eröffnet. Bei Forchach überspannt eine Fußgängerhängebrücke den Lech. Vom Baichlstein bietet sich ein eindrucksvoller Blick auf den Flusslauf mit seinen Kiesbänken und bewaldeten Ufern. Auch der Moosberg bei Weißenbach ist ein lohnendes Ziel für Wanderer.

Für eine Zeitreise auf den Spuren von Max Kuhn eignet sich der Lechweg besonders auf jenen Abschnitten, auf denen er dem Fluss folgt. Kuhns historische Route und der moderne Wanderweg sind allerdings nicht identisch: Der Maler unternahm unterwegs mehrere Abstecher und überquerte auch den Allgäuer Hauptkamm.

Elbigenalp und Häselgehr

Auch die Orte selbst haben neue Rollen bekommen.

Elbigenalp ist heute der Hauptort des Lechtals und verbindet Tourismus mit Kultur und traditionellem Kunsthandwerk. Der Ort ist insbesondere mit der historischen „Geierwally“ Anna Stainer-Knittel, der Geierwally-Freilichtbühne sowie mit Holzschnitzerei und Bildhauerei verbunden.

Pfarrkirche St. Nikolaus in Elbigenalp mit Berghängen im Hintergrund
Die denkmalgeschützte Pfarrkirche St. Nikolaus erinnert an die lange Geschichte Elbigenalps, das heute zu den kulturellen Zentren des Tiroler Lechtals gehört. / Bild: Tiroler Lechtal/Gerhard Eisenschink

In Häselgehr gehört der Doserwasserfall zu den Besonderheiten. Nach Angaben des Tourismusverbands versiegt sein Wasser alljährlich am 11. November und beginnt am 23. April wieder zu fließen. Als plausible Erklärung gilt ein unterirdischer See, der während der Schneeschmelze überläuft und den Bach speist; endgültig geklärt ist das Phänomen bislang nicht.

Doserwasserfall bei Häselgehr im Tiroler Lechtal
Der Doserwasserfall bei Häselgehr zählt zu den ungewöhnlichsten Naturphänomenen am Lechweg: Nach Angaben des Tourismusverbands versiegt sein Wasser am 11. November und fließt ab 23. April wieder. / Bild: Verein Lechweg/Fabian Heinz

Elmen und der „letzte Wilde“

In Elmen befinden sich gleich zwei Einrichtungen des Naturparks Tiroler Lech. Das Naturparkhaus Klimmbrücke steht direkt auf einer Brücke über dem Lech, ist Sitz der Naturparkverwaltung und beherbergt die Ausstellung „Abenteuer Wildfluss“. Im Ort informiert außerdem das Naturparkzentrum „Der letzte Wilde“ über die Ökologie der Wildflusslandschaft.

Naturparkhaus auf der Klimmbrücke über dem türkisfarbenen Lech bei Elmen
Das Naturparkhaus Klimmbrücke bei Elmen steht unmittelbar über dem Lech und informiert über den besonderen Lebensraum des Wildflusses. / Bild: Verein Lechweg

Gerade in Elmen zeigt sich der Perspektivwechsel seit Kuhns Zeit besonders deutlich. Er schilderte den Lech vor allem als eindrucksvolle Landschaft; heute steht zusätzlich das Wissen um die ökologische Seltenheit und Schutzbedürftigkeit dieser Wildflusslandschaft im Mittelpunkt.


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Von der Karriolpost zum Regiobus

Auch Kuhns Verkehrsmittel hat ein modernes Gegenstück. Wo er noch mit der Karriolpost zwischen den Dörfern unterwegs war, fährt heute der Regiobus.

Die Regiobus-Linie 110 verbindet Reutte über Weißenbach, Elbigenalp und Steeg mit Warth. Die Linie 111 erschließt unter anderem Holzgau und Kaisers. Saisonabhängig bestehen außerdem Verbindungen nach Lech am Arlberg. Eine Reise auf Kuhns Spuren lässt sich deshalb weitgehend ohne eigenes Auto organisieren. Allerdings unterscheiden sich die Fahrpläne je nach Jahreszeit.

Was seit Kuhns Bericht geblieben ist

Natürlich wäre Max Kuhn im heutigen Lechtal vieles fremd. Autos, moderne Seilbahnen und die heutigen Hängebrücken gab es zu seiner Zeit nicht; Wege und Straßen waren weit beschwerlicher, die touristische Infrastruktur deutlich weniger entwickelt. Heute sind die Alpen wesentlich stärker erschlossen und das Reisen ist sicherer und komfortabler geworden.

Doch ausgerechnet das zentrale Motiv seines Berichtes hat sich erstaunlich wenig verändert. Zwischen Steeg und Weißenbach fließt der Lech noch immer durch ein breites Tal. Kiesbänke tauchen auf und verschwinden wieder, Seitenarme verändern ihren Verlauf, und hinter dem Fluss steigen die Allgäuer und Lechtaler Alpen auf.

In seinem Bericht beschreibt Kuhn einen klaren, hellgrünen Fluss. Heute bezeichnet der Naturpark den Tiroler Lech als „Letzten Wilden“ – ein Name, den Kuhn vermutlich verstanden hätte.

Ruhiger Lech mit Spiegelung der Berge in der Abenddämmerung zwischen Steeg und Forchach
Zwischen Steeg und Forchach spiegeln sich die Berge im Lech. Durch diese Talachse führte auch Max Kuhns Rückweg in seinem 1869 veröffentlichten Reisebericht. / Bild: Tiroler Lechtal/Robert Eder

Titelfoto / Der Lech prägt das Tiroler Lechtal mit seinem breiten Flussbett sowie mächtigen Kies- und Schotterbänken – ein Landschaftsbild, das Max Kuhn bereits in seinem 1869 veröffentlichten Reisebericht beschrieb. / Bild: Tiroler Lechtal/Robert Eder

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