Unterwegs im kleinen Rom der Slowakei: Ein Stadtrundgang führt durch Jahrhunderte der Geschichte. Zum Abschluss zeigt uns Weinkenner Adam Pecho, wie überraschend vielfältig slowakischer Wein sein kann.
Inhaltsverzeichnis:
Trnava macht es Besuchern leicht, die Jahrhunderte zu wechseln. Eben noch stehen wir vor einem Renaissance-Turm, wenige Straßen weiter vor einer gotischen Basilika, dann wieder vor einem mächtigen Barockaltar. Dazwischen liegen kleine Plätze, Bürgerhäuser und Cafés. Unser Stadtrundgang im Oktober zeigt: Das „Kleine Rom“, wie Trnava wegen seiner vielen Kirchen genannt wird, besteht keineswegs nur aus Sakralbauten. Eine historisch gewachsene Innenstadt, eine erstaunlich gut erhaltene Stadtbefestigung und die Geschichte einer bedeutenden Universität gehören ebenso dazu. Und selbst beim anschließenden Weintrinken begegnen wir noch dem Mittelalter.

Eine königliche Stadt mit einer langen Geschichte
Die Stadt liegt im Westen der Slowakei, etwa 50 Kilometer von Bratislava entfernt. Deutsche kennen sie vielleicht noch unter ihrem früheren Namen Tyrnau. Trnava ist heute Universitäts- und Verwaltungsstadt, doch ihr historisches Zentrum lässt sich gut zu Fuß erkunden.
Unsere Stadtführerin beginnt weit vor den erhaltenen Gebäuden. Die Gegend war schon in vorgeschichtlicher Zeit besiedelt; in vergangenen Jahrhunderten prägten Wasserläufe das Gelände. Für das frühe Trnava zeichnet sie sogar das Bild einer kleinen Stadt mit vielen Wasserarmen. Vor allem aber war der Ort ein Handelsplatz an wichtigen Wegen.
Ein entscheidendes Datum ist 1238. Damals verlieh König Béla IV. von Ungarn Trnava die Privilegien einer freien königlichen Stadt – als erster Stadt auf dem Gebiet der heutigen Slowakei. Die Bürgerschaft durfte ihre Stadt befestigen und besaß weitreichende Rechte. Die befestigte Altstadt entwickelte sich zu einem bedeutenden urbanen Zentrum des damaligen Königreichs Ungarn.

Stadtturm, Dreifaltigkeitsplatz und mittelalterliche Mauern
Ein guter Ausgangspunkt für die Besichtigung ist der Dreifaltigkeitsplatz (Trojičné námestie). Zwischen historischen Häuserfronten erhebt sich der Stadtturm. Er wurde 1574 errichtet und ist rund 57 Meter hoch. Von der Aussichtsplattform in etwa 29 Metern Höhe bietet sich ein weiter Blick über die Altstadt und ihre zahlreichen Kirchtürme.

Noch eindrucksvoller als die Höhe einzelner Bauwerke sind die Dimensionen der alten Befestigung. Seit dem 13. Jahrhundert umgab Trnava eine mächtige Stadtmauer, die ein Gebiet von etwa 56 Hektar einschloss. Von der ursprünglich rund drei Kilometer langen Anlage sind etwa zwei Drittel erhalten geblieben. Allerdings wurde die Befestigung in den vergangenen Jahrzehnten umfangreich restauriert. Fehlende Mauerteile wurden ergänzt und einzelne Abschnitte rekonstruiert. Die heute sichtbaren Backsteinmauern verbinden daher mittelalterliche Bausubstanz mit neueren Ergänzungen.


Für eine Stadtbesichtigung ist das eine schöne Abwechslung: Nach den Fassaden und Plätzen der Innenstadt stehen wir plötzlich vor einem Wehrbau, der nicht bloß als einzelne Kulisse übrig geblieben ist. An einigen Stellen kann man entlang der alten Befestigung spazieren.
Warum Trnava das „Kleine Rom“ heißt
Seinen Beinamen verdankt Trnava der großen Zahl von Kirchen und geistlichen Einrichtungen auf engem Raum. Dahinter steht eine bewegte europäische Geschichte. Als die Osmanen 1543 Esztergom, das frühere Gran, besetzten, verlegte der dortige Erzbischof mit seinem Kapitel seinen Sitz nach Trnava. Die Stadt entwickelte sich damit für lange Zeit zu einem wichtigen kirchlichen Zentrum des damaligen Königreichs Ungarn.

Besonders auffällig ist die gotische Basilika St. Nikolaus mit ihren beiden Türmen. Sie diente von 1543 bis 1820 als Kathedralkirche des Erzbischofs von Esztergom. Ihr Gnadenbild der Muttergottes ist mit einer außergewöhnlichen Überlieferung verbunden: In den Jahren 1663 und 1708 soll das Marienbild Tränen vergossen haben. Ob man die Erzählung nun religiös oder kulturgeschichtlich betrachtet – sie gehört bis heute zur Identität der Stadt. Alljährlich im November findet zu Ehren des Marienbildes eine mehrtägige Andacht statt.

Eine andere Epoche eröffnet sich in der Kathedrale St. Johannes der Täufer, der früheren Universitätskirche. Ihr frühbarocker Hauptaltar aus Holz stammt aus dem Jahr 1640 und ist etwa 20 Meter hoch sowie fast 15 Meter breit. Mit seinen zahlreichen Figuren und vergoldeten Elementen beherrscht er den Kirchenraum. Besonders bemerkenswert: Zur Ausstattung gehören 27 große Heiligenstatuen. Das zentrale Bild zeigt die Taufe Jesu im Jordan.

ANZEIGE
Als Trnava eine berühmte Universitätsstadt war
Der heutige Universitätsbetrieb hat eine lange Vorgeschichte. Kardinal Péter Pázmány gründete hier 1635 eine Universität. Philosophie und Theologie gehörten zu den frühen Studienfächern; später kamen weitere Fakultäten hinzu. Noch heute erinnern mehrere Gebäude rund um die Universitätskirche an diese Zeit. Der ungarische Hochadel, darunter die Familie Esterházy, unterstützte die Entwicklung der Stadt und ihrer repräsentativen Bauten.

Unsere Stadtführerin erzählt die Geschichte mit hörbarer Begeisterung. Besonders unterhaltsam ist ihre Anekdote, damalige Studenten hätten täglich zwei Liter Wein bekommen – der sei allerdings deutlich schwächer gewesen als heute. Ob das tatsächlich eine feste Ration war, lässt sich nicht zuverlässig belegen. Die Geschichte passt aber zu einer Gegend, in der der Weinbau seit Jahrhunderten eine Rolle spielt.

1777 wurde die Universität auf Anordnung Maria Theresias nach Buda verlegt, das erst viel später mit Pest und Óbuda zur Stadt Budapest vereinigt wurde. Trnava verlor dadurch einen Teil seiner früheren Bedeutung. Die Stadt blieb jedoch Bildungsstandort und ist heute wieder von studentischem Leben geprägt.

Das Theater und eine Stadt, die sich immer wieder verändert
Der Rundgang führt nicht nur zu Kirchen. Am Dreifaltigkeitsplatz steht auch das heutige Ján-Palárik-Theater, das 1831 eröffnet wurde und zu den ältesten noch bespielten Theatergebäuden der Slowakei gehört. An dieser Stelle befand sich zuvor der renommierte Gasthof „Zum Schwarzen Adler“, in dem sogar gekrönte Häupter übernachteten. Der Theatersaal entstand zunächst im Bereich des Gasthauses, das noch einige Zeit weiterbestand. Auch das ist typisch für Trnava: In der kleinen Innenstadt überlagern sich die Nutzungen vieler Jahrhunderte.

Auch auf dem Pflaster begegnet Besuchern eine Verbindung von Geschichte und Gegenwart: Wer beim Stadtbummel auf den Boden schaut, entdeckt eine ungewöhnliche Europakarte aus Bronze und schwarzem Granit. In ihrer Mitte befindet sich das Stadtwappen von Trnava, am Rand sind europäische Städte mit ihren Entfernungen verzeichnet. Der Trnavaer Bildhauer Pavol Čambál schuf das Werk 2014. Es soll die Zugehörigkeit der Slowakei zu Europa und zur Europäischen Union symbolisieren.

Das historische Zentrum ist dabei kein abgeschlossener Museumsbezirk. Zwischen Kirchen, Stadtmauern und ehemaligen Universitätsgebäuden spielt sich das heutige Stadtleben ab. Und wer sich nach der Besichtigung stärken möchte, findet nicht nur Cafés und Restaurants, sondern auch eine besonders ungewöhnliche Weinstube.

Nach unserer Stadtführung bei bestem Herbstwetter steht eine Weinverkostung auf dem Programm. Unser Ziel ist die Trnavská viecha, eine Weinstube direkt an der historischen Stadtbefestigung. Eigentlich lädt das gemütliche Innere zum Verweilen ein. Doch die Herbstsonne meint es so gut mit uns, dass wir unsere Plätze lieber draußen einnehmen.

Weinverkostung in einem mittelalterlichen Turm
Adam Pecho betreibt die Weinstube Trnavská viecha in der Michalská-Straße, unmittelbar an der alten Stadtbefestigung. Der Ort passt hervorragend zu unserem Stadttag. Zwischen Ziegelwänden und kräftigen Holzbalken werden Weine ausgeschenkt, während im Innern des Restaurants ein Glasboden den Blick auf historische Reste eines Turms aus dem 13. Jahrhundert freigibt.
Auf der Karte stehen nach Angaben des Hauses mehr als 30 Weine und Schaumweine, vor allem von Erzeugern aus Trnava und der Umgebung. Pecho kennt die regionale Weinszene und führt uns bei der Verkostung in einen Teil des slowakischen Weinbaus ein, der außerhalb des Landes noch wenig bekannt ist: die modernen Rebsortenzüchtungen.

Dorota Pospíšilová und ihre ungewöhnlichen Rebsorten
Dabei fällt immer wieder ein Name: Dorota Pospíšilová. Die 1930 geborene Wissenschaftlerin zählt zu den prägenden Persönlichkeiten der slowakischen Rebenzüchtung. Sie war maßgeblich an der Entwicklung von 24 anerkannten Rebsorten beteiligt. Zu ihren bekanntesten Schöpfungen gehören die roten Sorten Dunaj und Hron; auch Devín und Breslava zählen zur Geschichte dieser Züchtungsarbeit.
Pecho erklärt uns, dass viele rote Neuzüchtungen nach slowakischen Flüssen benannt sind. Bei weißen Sorten finden sich häufiger Ortsnamen oder weibliche Vornamen. Diese Orientierung ist allerdings keine ausnahmslose Regel. Gerade solche Hintergründe machen eine Verkostung besonders interessant: Hinter einem unbekannten Namen auf dem Etikett steckt plötzlich eine Geschichte von Forschung, Landschaft und regionaler Identität.

Für deutsche Weinfreunde klingt vieles zunächst ungewohnt. Während Grüner Veltliner, Welschriesling oder Blaufränkisch zumindest einen vertrauten Anknüpfungspunkt bieten, begegnen einem Namen wie Dunaj, Hron oder Breslava nicht in jedem Weinregal. Dabei blickt der slowakische Weinbau auf lange Traditionen zurück – und entwickelt zugleich eigene geschmackliche Profile.
ANZEIGE
Ein Breslava 2025 mit Grapefruitnoten
Als ersten Wein schenkt Adam Pecho einen Breslava des Jahrgangs 2025 von Château Béla ein. Der trockene Weißwein ist eine der slowakischen Neuzüchtungen. Pecho charakterisiert ihn als leicht, fruchtig und aromatisch, mit einer deutlichen Grapefruitnote. Auch der Erzeuger beschreibt für diese Rebsorte Zitrusaromen und Anklänge an Traminer.
Der Name Breslava erinnert an eine historische Namensform von Bratislava. An der Züchtung waren Dorota Pospíšilová und Ondrej Korpás beteiligt. Der Wein selbst stammt nicht aus unmittelbarer Nachbarschaft von Trnava: Château Béla liegt in Belá bei Štúrovo im Süden der Slowakei, nahe der ungarischen Grenze. Die Probe zeigt also nicht nur die Weine der Kleinen Karpaten, sondern gibt einen Einblick in die Vielfalt des slowakischen Weinlands insgesamt.

Die Kleine Karpaten-Weinstraße endet in Trnava
Dennoch passt die Verkostung gut in die Region. An den Hängen der Kleinen Karpaten zieht sich eines der wichtigsten Weinbaugebiete des Landes entlang. Die Kleine Karpaten-Weinstraße führt über Bratislava, Svätý Jur, Pezinok und Modra bis nach Trnava. Unterwegs liegen Weinorte, kleine Produzenten und traditionelle Weinstuben. Angebaut werden unter anderem Grüner Veltliner, Welschriesling, Riesling, Blaufränkisch und St. Laurent.
Trnava ist deshalb ein geeigneter Ausgangspunkt, um Kultur- und Weinreise miteinander zu verbinden. Nach den Kirchen, Stadtmauern und Universitätsgebäuden erscheint die Verkostung nicht wie ein beliebiger Programmpunkt, sondern wie eine Fortsetzung der Stadtgeschichte mit anderen Mitteln. Die Türme der alten Befestigung schützen längst nicht mehr vor Angreifern. Einer von ihnen bewahrt heute ein Stück Stadtgeschichte unter Glas – und bietet darüber ein gutes Glas Wein.
Ingo Paszkowsky
Praktische Hinweise für einen Besuch in Trnava
Lage: Westslowakei, etwa 50 Kilometer von Bratislava entfernt. Die historische Innenstadt lässt sich gut zu Fuß erkunden.
Sehenswürdigkeiten: Dreifaltigkeitsplatz und Stadtturm, Stadtbefestigung, Basilika St. Nikolaus, Kathedrale St. Johannes der Täufer, ehemalige Universitätsgebäude und Ján-Palárik-Theater.
Weinverkostung: Trnavská viecha, Michalská 10, Trnava. Für eine geführte Probe empfiehlt sich eine vorherige Reservierung. Informationen: www.trnavskaviecha.sk.
Weitere Ausflüge: Die Kleine Karpaten-Weinstraße, die Burg Smolenice und die Kurstadt Piešťany lassen sich mit einem Aufenthalt in der Region verbinden.
Titelfoto / Der Renaissance-Stadtturm von Trnava, dessen Geschichte bis 1574 zurückreicht, überragt den Dreifaltigkeitsplatz im Zentrum der Stadt. Foto: Ingo Paszkowsky.
Transparenz-Mitteilung
Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde teilweise durch touristische Partner unterstützt, beispielsweise durch Veranstalter, Hotels, Fluggesellschaften, PR-Agenturen oder Tourismusbehörden.
Unsere Berichterstattung ist davon unabhängig. Die Unterstützung hat keinen Einfluss auf Inhalt, Ausrichtung oder Tonalität unserer Artikel.
Auch interessant
-

Heilschlamm, heiße Quellen und überraschende Entdeckungen in Piešťany
Weiterlesen: Heilschlamm, heiße Quellen und überraschende Entdeckungen in PiešťanyPiešťany in der Slowakei: Erfahrungen mit Thermalwasser und Schlammbad, Ensana-Kurinsel, Hotel Park, Krakovany-Spitze und Brennerei Pescan.
-

Flüge nach Kroatien: Airlines, Flugzeugtypen und Kabinenkomfort im Vergleich
Weiterlesen: Flüge nach Kroatien: Airlines, Flugzeugtypen und Kabinenkomfort im VergleichWelche Airlines fliegen an Kroatiens Adriaküste? Flugzeugtypen, Sitzkomfort, Bordservice und Tipps für die Weiterreise zur Marina im Vergleich.
-

Inselhopping im Mittelmeer: Kroatien und Griechenland auf eigene Faust
Weiterlesen: Inselhopping im Mittelmeer: Kroatien und Griechenland auf eigene FaustInselhopping in Kroatien und Griechenland auf eigene Faust: Ein Einblick in die schönsten Reviere, maritime Logistik und notwendige Lizenzen.
-

In Ungarn außergewöhnlich übernachten
Weiterlesen: In Ungarn außergewöhnlich übernachtenUngarn bietet außergewöhnliche Schlafplätze. Ob unter Baumkronen, in einer Jurte oder in einem nur per Boot erreichbaren Refugium
-

DER Reisebüro mit ConceptStore – die Urlaubsbuchung mit allen Sinnen erleben
Weiterlesen: DER Reisebüro mit ConceptStore – die Urlaubsbuchung mit allen Sinnen erlebenIn dem Büro, in dem reale Reisen angeboten werden, testet DER Touristik in bester Lage in der Berliner Friedrichstraße technische Innovationen im Vertrieb.
-

Großwildjagd hat Hochkonjunktur – Elfenbein und Felle beliebter denn je
Weiterlesen: Großwildjagd hat Hochkonjunktur – Elfenbein und Felle beliebter denn jeBraunbär in Kroatien oder Nilpferd in Malawi? Leopard in Namibia oder gar ein Elefant in Botswana? Ein lukrativen Geschäft für spezialisierte Agenturen




