Sachsen-Anhalt: Bauhaus und Moderne – Merseburg feiert den Meister der „Zollbau“-Dächer

Ob in Hamburg, München, im litauischen Klaipėda oder noch weiter weg – in Zollbauweise errichtete Bauten sind an vielen Orten zu finden. Die meisten aber gibt es im sachsen-anhaltischen Merseburg, was nicht verwundert, denn „Zollbau“ war eine Erfindung des Merseburger Stadtbaurats und Architekten Friedrich Zollinger. Zum Bauhaus-Jubiläum feiert die Stadt den genialen Konstrukteur und Stadtplaner und das Kulturhistorische Museum Schloss Merseburg informiert mit seiner Sonderausstellung „Das Dach der Moderne. Zollbau Merseburg. Konstruktion und weltweite Verbreitung“ über die Hintergründe und Ausprägungen des berühmten Zollbaus.

Auch in Merseburg herrschte nach dem Ersten Weltkrieg große Wohnungsnot: Mit dem rasant wachsenden Ammoniakwerk in Leuna strömten tausende Arbeiter in die neue Industrieregion, zusammen mit Menschen, die vor dem Krieg geflohen waren. Es musste dringend Wohnraum geschaffen werden – und das ganz schnell. Friedrich Zollinger wusste effizient zu bauen. Bereits nach seinem Studium hatte er mit einer neuen Schüttbetonbauweise experimentiert, die er sich vier Jahre später patentieren ließ. Preiswerte Materialien wie Sand, Kies und Schlacke, einheitliche Bauelemente sowie wiederverwendbare Schalungen ermöglichen ein Gussverfahren, mit dem es Zollinger in den Jahren seiner Amtszeit (1918 bis 1930) gelang, den Wohnungsbestand in Merseburg zu verdoppeln. Die große Siedlung der „Gemeinnützigen Aktien-Gesellschaft für Angestellten-Heimstätten“, GAGFAH, aber auch die Reihenhäuser der anschließenden Straßenzüge entstanden geradezu fließbandartig mit Hilfe des Merseburger „Bauschiffs“, eines auf Schienen fahrenden, riesigen Krangerüsts.

1929: Das frühere Arbeits-, Wohlfahrts- und Gesundheitsamt der Stadt Merseburg in der Christianenstraße, 1927 von Friedrich Zollinger errichtet, 1929 erweitert, nach erheblichen Bombenschäden 1944 in vereinfachter Form wiederaufgebaut, 2017/18 Sanierung und Umbau zum Wohnhaus; Foto: Kulturhistorisches Museum Schloss Merseburg
1929: Das frühere Arbeits-, Wohlfahrts- und Gesundheitsamt der Stadt Merseburg in der Christianenstraße, 1927 von Friedrich Zollinger errichtet, 1929 erweitert, nach erheblichen Bombenschäden 1944 in vereinfachter Form wiederaufgebaut, 2017/18 Sanierung und Umbau zum Wohnhaus; Foto: Kulturhistorisches Museum Schloss Merseburg

In Merseburg wandte der Architekt erstmals seine gewölbte Dachkonstruktion an, das berühmte und elegante Zollingerdach mit seinem von Lamellen getragenem Gewölbe. Zentrales Element sind meist nur 2,5 Zentimeter starkes Bretter, deren eine Längskante gebogen geschnitten und dessen Schmalseiten abgeschrägt sind. Zu Rauten zusammengefügt bilden die Bretter eine netzartige Struktur.

Die identischen Elemente können maschinell vorproduziert und ohne Gerüst montiert werden. Mit dieser innovativen Lösung schuf der Stadtbaumeister das Dach der Moderne. Seine spitz-, rund- oder segmentbogenförmigen Dachgewölbe gaben den Häusern ihr besonderes Aussehen und haben das Stadtbild Merseburgs nachhaltig und bleibend verändert.

Zollinger Haus Vorderansicht. Foto: Ingo Paszkowsky
Zollinger Haus Vorderansicht. Foto: Ingo Paszkowsky

Neben den Wohnsiedlungen entwarf der innovative Stadtbaurat auch zahlreiche Einzelbauten. Einige von ihnen sind im Zweiten Weltkrieg zerstört worden, doch auch heute noch finden sich stadtbildprägende Zollbauten in Merseburg, wie die Albrecht-Dürer-Schule mit Turnhalle, das frühere Arbeits-, Wohlfahrts- und Gesundheitsamt, der Rathaus- Anbau am Markt, aber auch die Kreuzkapelle in Freiimfelde. Bei Stadtführungen können sich Architektur-Interessierte sowohl die Zollinger-Viertel als auch ausgewählte Einzelbauten anschauen.

Das frühere Arbeits-, Wohlfahrts- und Gesundheitsamt der Stadt Merseburg in der Christianenstraße wurde 2017/18 saniert und zum Wohnhaus umgebaut. Foto: Ingo Paszkowsky
Das frühere Arbeits-, Wohlfahrts- und Gesundheitsamt der Stadt Merseburg in der Christianenstraße wurde 2017/18 saniert und zum Wohnhaus umgebaut. Foto: Ingo Paszkowsky

„Zollinger hat mit seinen Bauten weltweit einen Beitrag zum seriellen Bauen geleistet. Unsere Sonderausstellung nimmt sowohl die Fragen des Merseburger Wohnungsbaus zwischen 1918 und 1930 in den Blick als auch die internationalen Beispiele“, sagt die Leiterin des Kulturhistorischen Museums Schloss Merseburg, Dr. Karin Heise. Gespiegelt werde dabei auch die Konkurrenz zu den Junkers-Werken Dessau, die nach 1924 die Konstruktionsprinzipien Zollingers in Stahl umsetzten und auf den Markt brachten. Außerdem würden aktuelle Forschungen der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig beleuchtet, die aktuell das Zollinger-Prinzip in die Zukunft führen, so Karin Heise weiter.

In Merseburg wandte der Architekt erstmals seine gewölbte Dachkonstruktion an, das berühmte und elegante Zollingerdach mit seinem von Lamellen getragenem Gewölbe. Zentrales Element sind meist nur 2,5 Zentimeter starkes Bretter, deren eine Längskante gebogen geschnitten und dessen Schmalseiten abgeschrägt sind. Zu Rauten zusammengefügt bilden die Bretter eine netzartige Struktur. / Foto: Ingo Paszkowsky
In Merseburg wandte der Architekt erstmals seine gewölbte Dachkonstruktion an, das berühmte und elegante Zollingerdach mit seinem von Lamellen getragenem Gewölbe. Zentrales Element sind meist nur 2,5 Zentimeter starkes Bretter, deren eine Längskante gebogen geschnitten und dessen Schmalseiten abgeschrägt sind. Zu Rauten zusammengefügt bilden die Bretter eine netzartige Struktur. / Foto: Ingo Paszkowsky

Wer mehr über den avantgardistischen Zollbau – nicht nur in Merseburg, sondern auch in der eigenen Stadt – und über den Meister der Dächer wissen möchte, sollte sich die Sonderausstellung im Kulturhistorischen Museums Schloss Merseburg nicht entgehen lassen. Sie ist noch bis zum 27. Oktober 2019 zu sehen.

Weitere Informationen zum Zollinger-Jahr 2019 und zur Ausstellung in Merseburg sind auf der Website des Landkreises Saalekreis erhältlich.

Quelle: IMG Sachsen-Anhalt / eigene Recherche

Titefoto / Das Besondere an dem Haus ist das Zollinger-Dach. Rechts wurde das Dach schon mal anders ausgebessert./ Foto: Ingo Paszkowsky

Wer mehr über den avantgardistischen Zollbau – nicht nur in Merseburg, sondern auch in der eigenen Stadt – und über den Meister der Dächer wissen möchte, sollte sich die Sonderausstellung im Kulturhistorischen Museums Schloss Merseburg nicht entgehen lassen. Sie ist noch bis zum 27. Oktober 2019 zu sehen. / Foto: Ingo Paszkowsky
Wer mehr über den avantgardistischen Zollbau – nicht nur in Merseburg, sondern auch in der eigenen Stadt – und über den Meister der Dächer wissen möchte, sollte sich die Sonderausstellung im Kulturhistorischen Museums Schloss Merseburg nicht entgehen lassen. Sie ist noch bis zum 27. Oktober 2019 zu sehen. / Foto: Ingo Paszkowsky

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Kulturhistorisches Museum Schloss Merseburg / Foto: Ingo Paszkowsky
Kulturhistorisches Museum Schloss Merseburg / Foto: Ingo Paszkowsky
Modell eines rundbogigen Zollbau-Lamellendaches, 1925. Die Zimmerei Eduard Heß aus Coburg baute als "Vertrter der Zollbauweise" Lamellendächer und warb auf Messeständen mit dem Modell. Entwurf: Carl Heß. Leihgabe: Städtische Sammlungen Coburg / Foto: Ingo Paszkowsky
Modell eines rundbogigen Zollbau-Lamellendaches, 1925. Die Zimmerei Eduard Heß aus Coburg baute als “Vertrter der Zollbauweise” Lamellendächer und warb auf Messeständen mit dem Modell. Entwurf: Carl Heß. Leihgabe: Städtische Sammlungen Coburg / Foto: Ingo Paszkowsky
Kulturhistorisches Museum Schloss Merseburg. Zollbau weltweit. / Foto: Ingo Paszkowsky
Kulturhistorisches Museum Schloss Merseburg. Zollbau weltweit. / Foto: Ingo Paszkowsky

 


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