„In der Provence gilt die Iris als Pflanze gegen den Egoismus“, sagt Philippe Chabot. Er ist Wanderführer und engagiert für „Marseille Provence 2013 – Kulturhauptstadt Europas (MP 2013)“. Egoismus ist auch nicht gefragt, denn die Auszeichnung „Kulturhauptstadt Europas“ beinhaltet keinesfalls einen Sechser im Lotto in finanzieller Hinsicht. Gerade einmal 1,6 Prozent des gesamten für die Entwicklung einer der strukturschwächsten Regionen Frankreichs ausgegebenen Geldes stammt von der Europäischen Kommission.

In Frankreich gebe es bislang keine Metropolregionen, wo Stadt, Land und Gemeinden zusammenarbeiten – wie etwa im Rhein-Main-Gebiet, erklärt Ulrich Fuchs. Der ursprünglich aus Bremen stammende Hochschullehrer hat fünf Jahre für die österreichische Stadt Linz gearbeitet, als diese 2009 zur europäischen Kulturhauptstadt ernannt wurde. Für MP 2013 ist er als „stellvertretender Intendant“ eingestellt. Der 1985 von der Europäischen Union (EU) kreierte Titel solle einen Entwicklungsschub auslösen, wenn die Potenziale entsprechend genutzt werden. Fuchs bezeichnet die Ernennung zur Kulturhauptstadt eher als Trojanisches Pferd. Die EU stellt 1,6 Prozent des Betrags zur Verfügung, die Ausgaben der öffentlichen Hand – Staat, Region, Departement und Stadt – betragen für die kulturelle Infrastruktur 680 Millionen Euro.

„Politisch gesehen, grenzt dieses gemeinsame Projekt der verschiedensten Akteure nahezu an ein Wunder“, meint Fuchs. MP 2013 diene als Katalysator für Stadt- und Regionsentwicklung weit über das Jahr 2013 hinaus. 60 neue Kultureinrichtungen werden gebaut: Museen, Konzert- und Festsäle, Künstlerateliers und interdisziplinäre Kulturzentren. Bauvorhaben werden durch international renommierte Architekten umgesetzt, die die Region von Marseille-Provence nachhaltig prägen sollen. Wichtige neue Veranstaltungsorte, die das Bild von Marseille komplett verändert haben, sind zum Beispiel das MuCEM (Musée des civilisations de l’Europe et de la Méditerrannée; wird am 7. Juni 2013 eröffnet und ist das erste Nationalmuseum Frankreichs außerhalb von Paris: www.mucem.org/en), das C-förmige Gebäude der Villa Méditerrannée, das von dem italienischen Architekten Stefano Boeri konzipiert wurde und das Regionale Zentrum für zeitgenössische Kunst (www.museeregardsdeprovence.com). Zudem wurde auch im öffentlichen Raum vieles neu gestaltet, wie etwa der Vieux Port von Marseille, entworfen von den Architekten Norman Foster und Michel Desvigne.

2013 ist in Marseille immer was los
Viele Künstler aus der ganzen Welt, aber auch speziell aus dem Mittelmeerraum sind 2013 an Aktionen in und um Marseille-Provence beteiligt. Dafür wurden weitere 91 Millionen investiert. Im Januar begann das Jahr der Kulturhauptstadt mit einem großen Festakt. Übers Jahr sind mehr als 100 Ausstellungen mit längerer Laufzeit geplant. Darüber hinaus gibt es mehr als 900 ungewöhnliche und innovative, aber auch klassische Projekte vieler künstlerischer und kultureller Disziplinen. Die Veranstaltungen finden im gesamten Gebiet von Marseille-Provence statt, so auch in den Städten Aix-en-Provence, Arles, Martigues, Istres, Gardanne und Salon-de Provence.

365 Kilometer langer „Kulturwanderweg“
Ein Projekt, das Menschen ansprechen möchte, die sich gerne bewegen und dabei etwas lernen wollen, ist der „GR 2013“. La Grande Randonnée 2013 steht für den 365 Kilometer langen „Kulturwanderweg“, der sich wie eine Acht um Aix-en-Provence und Marseille legt. Start und Ziel ist der TGV-Hauptbahnhof in Aix. Von dort aus kann man sich wandernd auf verschiedene Etappen begeben. Das Besondere: Der Wanderweg wurde mit Landschaftsarchitekten, Künstlern und begeisterten Wanderern gemeinsam entwickelt. Er führt nicht nur durch schöne Landschaft, in der beispielsweise Paul Cézanne gemalt hat. Sondern er wird bewusst durch die Problemviertel Marseilles geleitet. Das „Wanderführerhandbuch“ (das bis jetzt leider nur in französischer Sprache erschienen ist) zeigt nicht nur, wie es sonst üblich ist, seltene Tier- und Pflanzenarten, sondern Menschen, die im Problemquartier leben, Ölleitungen, Müllkippen oder verschiedene Arten von Betonverarbeitung.

Mit der bewussten Einbeziehung der Bewohner und der Stadtlandschaft sollen die Menschen der Region stolz auf ihre Umgebung sein, selbstbewusst – und daraus eventuell neuen Lebensmut ziehen, sagt Fuchs. Eine Strecke dieses Wegs kann man zum Beispiel mit dem deutschen Künstler Boris Sievert vom Büro für Städtereisen gehen. Er führt vom 13. bis 15. September durch „Sleeping beauties in dormant towns and landscapes“ (www.mp2013.fr).

Wer so lange nicht warten möchte, kann auch über das Bouches-du Rhó`ne Tourismus-Büro (www.visitprovence.com) Wanderführer wie Philippe Chabot engagieren. Diese erzählen dann über magische Pflanzen wie die oben erwähnte Iris und über Steineichen, die sich mit ihren Pfahlwurzeln auch gut auf erodiertem Gelände halten können. Oder von Gaius Marius, der im Jahre 102 vor Christus mit einer Armee von nur 20.000 Mann 600.000 Kimbern und Teutonen besiegt haben soll. Nach ihm sollten die Marseilleiser jahrelang ihre männlichen Nachkommen Marius genannt haben, oder ähnliche Legenden…

Wer sich vor einer Reise über die Provence informieren möchte, dem seien einige Reiseführer empfohlen, zum Beispiel „Provence, Có`te d’Azur von Ralf Nestmeyer, erschienen im Michael Müller Verlag oder MERIAN live! Provence von Gisela Buddée.
Mehr Infos unter www.visitprovence.com und www.airfrance.com.
Jutta Perino
Titelfoto / Ein außergewöhnlicher Bau: das MuCEM. / Foto: Perino

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Weitere Fotos von WeltReisender Ingo Paszkowsky findest Du hinter diesem Link.