Italien: Giurdignano – zu Gast an den gedeckten Tafeln des Heiligen Josef

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Nach dem Tode heiliggesprochen zu werden, ist sicher ein Wunsch von vielen Gläubigen. In einem Dorf im tiefsten Süden Italiens brauchen Sie nicht zu warten, bis Sie das Zeitliche gesegnet haben, um eventuell nach Ihrem Tod Jahrhunderte später Heiliger zu werden. In Giurdignano auf der Halbinsel Salento – sozusagen dem Absatz des Stiefels Italien – können Sie mit etwas Glück einmal im Jahr zumindest für kurze Zeit ein Heiliger sein.

Zwei Tage feiern die Anwohner von Giurdignano zu Ehren des Heiligen Josef (Wahrscheinlich wird sogar noch länger gefeiert, so ein Einheimischer, wenn man schon mal gerade beim Feiern ist …) jedes Jahr zum Herrentag am 19. März. Die Feierlichkeiten beginnen bereits am Vortag. In diesem Jahr startete das Volksfest sogar schon am 17. März mit einer Abendveranstaltung, weil die Kommune und die Region Apulien die Aufnahme dieser Tradition in das UNESCO-Welterbe befördern möchten.

Lange Tradition

Vermutlich seit dem Jahr 900 – mit Unterbrechungen – gibt es diese schöne Tradition, dass die Wohlhabenden Arme an ihre Tafeln einladen. Dann werden Tür und Tor geöffnet und Spezialitäten und typische Gerichte der Region als Gaben dargeboten. Die Ausübung des Brauches ist heute vorwiegend eine Angelegenheit der älteren Generation, aber auch viele Jüngere finden Gefallen daran.

Der zentrale Platz des pittoresken Ortes füllt sich am Abend des 18. März zunehmend. Auf der eigens errichteten Tribüne sind Produkte und Gerichte aufgereiht, die aus Spenden der Bevölkerung für die Auftaktveranstaltung zubereitet wurden. Neben Brotringen, so groß wie Autoreifen, gehören dazu u.a. Rotwein, große Fenchelknollen, Pasta, Olivenöl und Orangen. Außerdem die Gerichte, welche die „Heiligen“ in weniger als einer Stunde in mehreren Gängen an der Tafel zu sich nehmen, aber jeweils nur einen oder maximal zwei Bissen. Denn mehr Zeit bleibt nicht, bevor San Giuseppe (Heiliger Josef) den Gang durch einen „Pling“ an seinem Glas beendet. Die angefangenen Gerichte werden von fleißigen ehrenamtlichen Helfern abgeräumt und es wird der nächste Gang getafelt. Probiert werden darf erst dann, wenn San Giuseppe seine Auflassung dazu gibt, indem er seinen Stab mit Zepter kräftig auf dem Boden stampft.

Abends wird die Festbeleuchtung eingeschaltet. Foto: Ingo Paszkowsky
Abends wird die Festbeleuchtung eingeschaltet.

Die Großveranstaltung auf dem zentralen Platz des Ortes am 18. März ist der Auftakt zu Le tavole di San Giuseppe. 13 Laienspiel-Heilige vollziehen jährlich diesen Brauch auf dem Piazza Municipo. Gespannt schaut das Publikum auf dem vollgedrängten Platz diesem Mahl zu.

Barbara aus Giurdignano erläutert in unserem Video den Brauch. Sie ist in Deutschland geboren, lebt heute aber in Giurdignano.

53 Familien mit gedeckten Tafeln

Schon seit einigen Wochen laufen die Vorbereitungen, es wird gebacken, was das Zeug hält. Die Traditionsbäckerei des Ortes ist voll beschäftigt. Salvatore Protopapa ist Bäcker in dritter Generation. Alles in seiner Bäckerei ist handgemacht, gebacken wird im über 70 Jahre alten Ofen, beheizt – wie könnte es anders sein – mit Olivenholz. (http://www.panificioprotopapa.it/)

Auch die Haushalte, die aktiv an dem Volksfest teilnehmen, haben alle Hände voll zu tun. In diesem Jahr beteiligten sich 53 Familien und Einrichtungen an dem Event. Im vergangenen Jahr waren es noch einige mehr. Der veranstaltende Verein Pro Loco (prolocogiurdignano@libero.it) lässt Flyer mit einem Plan drucken, auf dem alle teilnehmenden Haushalte verzeichnet sind. Am 18. März und auch noch dem 19. März kann man die Tafeln besichtigen, bis dann am 19. in jedem der Haushalte die eigentliche Zeremonie stattfindet.


Fotostrecke – Le tavole di San Giuseppe


Seit dem späten Montagvormittag macht eine Kapelle Stimmung. Später sorgt die agile Zagor Street Band für die Unterhaltung der Gäste. Die Cafés sind gefüllt, überwiegend mit Männern. An dieser Stelle soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Leitung der Kommune zwei charmanten Frauen obliegt, der Bürgermeisterin Monica Gravante – die äußerlich etwas an Schauspiellegende Sophia Loren erinnert – und ihrer Stellvertreterin Gabriella Vilei.

Bei Einbruch der Dunkelheit lässt die eingeschaltete farbenfrohe Beleuchtung die festliche Stimmung steigen. Damit ein eventueller Stromausfall die Festlaune durch Ausfall der Festtagsbeleuchtung nicht vermiesen kann, brummt auf dem benachbarten Platz ein Dieselaggregat vor sich hin.

13 Heilige sitzen an der zentralen Tafel des San Giuseppe

Gegen 19:30 Uhr ist es endlich soweit. Ursprünglich sollte es früher starten, aber so genau mit der Zeit nimmt es dort niemand. Dafür ist die Stimmung auf dem Höhepunkt. Zunächst werden die 13 Heiligen des Abends nacheinander aufgerufen. Eine Moderatorin stellt die Akteure mit einigen Sätzen zur Person vor. Dabei erfahren die Teilnehmen auch gleich, welchen Heiligen sie an der Tafel vertreten. Mit einem Licht in der Hand betritt die Person dann die Bühne.



Die Auswahl der Teilnehmer an dieser Tafelrunde übernimmt der Verein Pro Loco. Teilnehmende können Bürger, Neubürger oder auch Gäste aus dem Ausland sein – wie in meinem Fall. Jedenfalls ist es eine große Ehre, am Mahl teilnehmen zu dürfen und ein erhebendes Gefühl sowieso, wenn die vielen Menschen gebannt auf die Teilnehmer an der Tafel schauen.

Bevor nicht der letzte Heilige an seinem Platz steht, darf man sich nicht setzen. Nun wird Gang für Gang aufgetafelt, kurz gekostet, dann kommt das Signal von San Giuseppe – ein Klopfen mit dem Besteck ans Glas.

Prozession in Giurdignano anläßlich der Tafeln des San Giuseppe. Foto: Ingo Paszkowsky
Prozession in Giurdignano anläßlich der Tafeln des San Giuseppe.

Als „aktiver“ Teilnehmer bin ich sichtlich ergriffen und habe Sorge, etwas falsch zu machen. Meine Nachbarin zur rechten Seite, Laura, eine junge Frau aus der Region, ist dagegen recht sorglos. Sie fängt ein Gespräch an und erzählt mir, dass sie als Tänzerin ursprüngliche Tänze der Region interpretiert. Wir nehmen uns vor, nach dem Ritual an der Tafel noch etwas zu plaudern, verlieren uns aber nach dem Essen in dem Getümmel aus den Augen.

Nach etwa 40 Minuten ist das Essen beendet. Zum Abschluss erhalten wir einen riesengroßen, schwergewichtigen runden Brotring, den wir dem Publikum zum Anschauen präsentieren. Anschließend gehen die Heiligen von der Bühne. Das Essen und die Geschenke verbleiben zunächst auf der Tribüne. Die Teilnehmer können sich diese am nächsten Tag abholen und mit nach Hause nehmen.

Ein sehr schöner Brauch, dem man die Aufnahme in die Liste des Immateriellen Kulturerbes der UNESCO wünscht. Es ist ein großes Erlebnis, daran teilzunehmen.

Lesen Sie auch, was Stefanie Grauer-Sojanovic, Foodblogerin und Autorin, über den Trip nach Salento geschrieben hat. Steffi war wie ich Teilnehmerin einer Reisegruppe aus Journalisten und Bloggern, die im Rahmen des Porgramms Puglia FESR-FSE die Region erkundeten.


Fotostrecke – Was es im Salento zu erleben gibt


Was man sonst noch in Giurdignano und Umgebung erleben kann

Giurdignano mit seinen 1.900 Einwohnern liegt auf der Halbinsel Salento an der westlichen Küste der Provinz Lecce in Apulien, wenige Kilometer von Otranto entfernt. Eigentlich steckt die ganze Region voller Sehenswürdigkeiten. Aber auch direkt der Ort und die unmittelbare Umgebung warten mit touristischen Kostbarkeiten auf.

Unübersehbar auf dem Rathaus-Platz in Ortsmitte sind die Pfarrkirche, die im 18. Jahrhundert errichtet wurde, und der Baronen-Palazzo. Seit dem 14. Jahrhundert wurde der Bau immer wieder erweitert und umgebaut. Zum Schluss gehörte er der Aristokratenfamilie Alfarano-Capece.

Unterirdische Ölmühlen

Olivenhaine sind charakteristisch für die Region Salento. Früher und auch noch heute sind Oliven und Produkte aus Oliven ein entscheidender Wirtschaftsfaktor. Deswegen stößt man überall auf unterirdische Ölmühlen, die freilich nicht mehr in Betrieb sind. Rund 50 dieser imposanten Höhlen soll es in der Region geben. Warum unterirdisch? Temperatur und Luftfeuchtigkeit sind konstant und die niedrige Temperatur sorgte für längere Haltbarkeit der Produkte.

Einige der unterirdischen Ölmühlen sind teilweise wieder rekonstruiert worden und stehen für Besichtigungen zur Verfügung. So auch die Trappitello des Herzogs in Giurdignano, die im Jahr 1518 errichtet wurde und bis zu den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts in Betrieb war. Foto: Ingo Paszkowsky
Einige der unterirdischen Ölmühlen sind teilweise wieder rekonstruiert worden und stehen für Besichtigungen zur Verfügung. So auch die Trappitello des Herzogs in Giurdignano, die im Jahr 1518 errichtet wurde und bis zu den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts in Betrieb war.

Es war ein hartes Leben für die Arbeiter in den unterirdischen Ölmühlen. Sie wohnten in den Höhlen von Oktober bis April und durften nur an Feiertagen die Anlagen verlassen. Häufig handelte es sich um Fischer, die immer Sommer aufs Meer hinausfuhren. Dieser Personenkreis war vergleichsweise wohlhabend, lebte aber wegen der schlechten Arbeitsbedingungen nicht lange. Das erzeugte Öl wurde damals übrigens hauptsächlich zur Verbrennung in Lampen verwendet – was für eine Verschwendung unseres geliebten Olivenöls.

Einige dieser unterirdischen Ölmühlen sind teilweise wieder rekonstruiert worden und stehen für Besichtigungen zur Verfügung. So auch die Trappitello des Herzogs in Giurdignano, die im Jahr 1518 errichtet wurde und bis zu den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts in Betrieb war.

Dolmen und Menhire

Neben zahlreichen Krypten und Felskirchen stößt man im Salento auf viele Dolmen und Menhire. Giurdignano liegt im „Giardino megalitico d’Italia“, dem Italienischen Megalithgarten. Viele Menhire und Dolmen stammen aus der Eisenzeit, sie sind sowohl in den Ortschaften als auch auf dem Land zu finden.

 

San Vincenzo ist mit 3,50 Metern einer der größten Menhire in Giurdignano. Er hat am Fuß die Abmessungen 45cm mal 30 cm und steht im Zentrum des Orts in der Nähe der Krypta „Bizantina San Salvatore“.


Videostrecke – Schönes Salento

WeltReisender Magazin: Salento Videostrecke


Die Krypta San Paolo verbindet die Welt der Megalithen mit religiöser Frömmigkeit, denn sie wurde in den Felsen gehauen, auf dem der gleichnamige Menhir steht. Im Innern befindet sich ein Fresko mit dem Heiligen Paul. Er wurde gegen den Biss giftiger Tiere angefleht. Daher ist in der Mini-Krypta auch ein Bild zu sehen, mit einer Spinne, die ein Netz webt.

So wurden wohl die Landarbeiter häufiger von der Tarantel gebissen. Vergiftungserscheinungen und auch die Tanzwut wurden früher dem Biss der Taranteln zugeschrieben (Tarantismus). Daher kommt auch die Redensart „wie von der Tarantel gestochen“. Heute bestehen jedoch Zweifel daran, weil die Giftwirkung der Taranteln verhältnismäßig schwach ist. Tatsächlich dürften die meisten schweren Vergiftungen durch die deutlich giftigeren, jedoch mit etwa einem Zentimeter Körperlänge und mit relativ kurzen, dünnen Beinen verhältnismäßig kleinen Europäischen Schwarzen Witwen verursacht worden sein.

Essen & Trinken in Giurdignano

Eine ausgezeichnete regionale Küche gibt es im Restaurant Osteria degli Amici am Piazza Municipio. Das Personal ist zudem sehr freundlich.

Tolle Espressos und viele Drinks lassen sich bei freundlicher Bedienung in der Bar Sport ebenfalls am Piazza Municipio genießen.

Wo übernachten

B&B ist eine gute Wahl, z. B. Il Megalite, Agriturismo

https://www.agriturismoilmegalite.it/en/

Anreise

Ryanair und Easyjet fliegen direkt von verschiedenen Städten Bari oder Brindisi an. Von dort weiter mit dem Zug oder per Leihwagen.

Anreise mit der Bahn: Der Haltepunkt Giurdignano liegt an der Bahnstrecke Maglie-Otranto

Ingo Paszkowsky

Titelfoto / Diese Geschenke erhalten die Heiligen der Eröffungstafel. / Foto: Ingo Paszkowsky

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