Besucherin fotografiert den römischen Tempel mit seinen erhaltenen Säulen im Zentrum von Évora

Évora 2027: Kulturhauptstadt im Alentejo setzt auf Reisen ohne Eile

2027 richtet sich der Blick von Kulturreisenden nach Portugal: Évora wird gemeinsam mit dem umliegenden Alentejo Europäische Kulturhauptstadt. Die historische Stadt teilt sich den Titel mit Liepāja in Lettland. Für Portugal ist Évora nach Lissabon 1994, Porto 2001 und Guimarães 2012 bereits die vierte Europäische Kulturhauptstadt.

Die offizielle Eröffnung ist für den 6. Februar 2027 vorgesehen. Das Kulturhauptstadtjahr steht unter einem ungewöhnlichen Leitmotiv: VAGAR. Der portugiesische Ausdruck lässt sich nur annähernd mit „sich Zeit lassen“, „ohne Eile“ oder „langsam unterwegs sein“ übersetzen. Dahinter steckt allerdings mehr als die inzwischen vielfach bemühte Idee des Slow Travel.

VAGAR soll eine im Alentejo verwurzelte Lebensweise beschreiben: Zeit und Raum bewusster wahrnehmen, Begegnungen zulassen und die Beziehung zwischen Menschen, Landschaft und Natur stärker in den Mittelpunkt rücken. Genau diesen Gedanken will Évora 2027 in Kunst, Kultur, Wissenschaft und Veranstaltungen übertragen.

VAGAR ist mehr als langsames Reisen

Das Motto passt durchaus zur Region. Der Alentejo zählt zu den am dünnsten besiedelten Gebieten Portugals. Zwischen Korkeichen, Olivenhainen und Weinbergen liegen kleine weiß getünchte Orte, während selbst auf vielen Landstraßen wenig Verkehr herrscht.

Évora 2027 interpretiert diese Ruhe allerdings nicht nostalgisch. Vielmehr soll VAGAR dazu anregen, über den Umgang mit Zeit, Gemeinschaft, Umwelt und gesellschaftlichen Veränderungen nachzudenken. Die Organisatoren sprechen von Évora und dem Alentejo als einer Art „lebendigem Labor“, in dem auch neue Antworten auf europäische Zukunftsfragen ausprobiert werden sollen.

Dabei beschränkt sich die Kulturhauptstadt ausdrücklich nicht auf Évora selbst. 47 Gemeinden der Region sind direkt in das Projekt eingebunden. Veranstaltungen sollen in Theatern und Museen ebenso stattfinden wie in Kirchen, Klöstern, Straßen, auf Plätzen und in der Landschaft.

Noch ist nicht das gesamte Programm für 2027 bekannt

Steinerne Türme und Dachterrasse der Kathedrale Sé de Évora vor blauem Himmel
Die mittelalterliche Kathedrale Sé de Évora gehört zu den markantesten Bauwerken der portugiesischen Kulturhauptstadt 2027. Von den oberen Bereichen eröffnet sich ein weiter Blick über Évora und den Alentejo. Bild: Visit Alentejo – Portugal

Wer seine Reise schon jetzt plant, sollte wissen, dass Anfang September 2026 noch nicht das komplette Veranstaltungsprogramm veröffentlicht ist. Die endgültige Präsentation des Kulturhauptstadtprogramms ist für den 18. November 2026 angekündigt. Die offizielle Eröffnung folgt knapp drei Monate später am 6. Februar 2027.

Einige Projekte laufen aber bereits im Vorbereitungsjahr. Die Academia do Vagar beschäftigt sich in Diskussionen und Begegnungen aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Leitmotiv. Bei „À mesa é que a gente se entende“ – sinngemäß etwa „Am Tisch versteht man sich“ – kommen Künstler und Einwohner zusammen. Das Kulturverständnis reicht damit bewusst über klassische Museen und Theater hinaus.

2027 kommen zahlreiche weitere Projekte hinzu. Die Ausschreibung „Vagar Line“ beispielsweise richtet sich an Künstler unterschiedlicher Sparten. Vorgesehen sind Arbeiten aus Theater, Tanz, Musik, Zirkus, Straßenkunst, Oper, Architektur, Design und neuen Medien. Präsentiert werden sollen sie sowohl in Évora als auch an anderen Orten des Alentejo.

Évora bringt die Sehenswürdigkeiten schon mit

Auch ohne Kulturhauptstadtjahr ist Évora eines der interessantesten Städtereiseziele im portugiesischen Inland. Das historische Zentrum gehört bereits seit 1986 zum UNESCO-Welterbe. Seine Geschichte reicht über mehr als zwei Jahrtausende zurück.

Zu den bekanntesten Bauwerken gehört der römische Tempel, der meist als Templo de Diana bezeichnet wird. Aus dem Mittelalter stammt die mächtige Kathedrale Sé de Évora. Einen deutlich morbideren Eindruck hinterlässt die Capela dos Ossos, die Knochenkapelle des Franziskanerklosters, deren Wände mit menschlichen Schädeln und Knochen ausgekleidet sind.

Doch zum Reiz Évoras gehören mindestens ebenso sehr die weiß gekalkten Häuser, schmalen Straßen, Plätze und Arkaden. Die UNESCO hebt gerade die ungewöhnlich geschlossene historische Stadtstruktur mit Gebäuden aus dem 16. bis 18. Jahrhundert hervor.

Für das Kulturhauptstadtjahr dürfte diese historische Kulisse häufig selbst zur Bühne werden.

Nach Évora weiter zum Alqueva-See

Blick über den Alqueva-Stausee mit bewaldeten Hügeln und kleinen Inseln im Alentejo
Der weitläufige Alqueva-Stausee prägt die Landschaft im Osten des Alentejo und eignet sich für Bootstouren, Wassersport und Ausflüge in die umliegenden Dörfer. Bild: Visit Alentejo – Portugal

Évora 2027 lässt sich gut zum Ausgangspunkt für eine längere Reise durch den Alentejo machen. Die Tourismusorganisation schlägt insbesondere die Weiterreise zum Alqueva-See vor. Dort lässt sich VAGAR ziemlich praktisch ausprobieren: nicht als theoretisches Kulturkonzept, sondern beim Paddeln, Wandern oder schlicht beim Blick über das Wasser.

Der Alqueva ist ein riesiger Stausee am Guadiana. Rund um seine stark gegliederte Wasserfläche liegen mittelalterlich geprägte Orte, Olivenhaine und Weinberge. Besonders sehenswert ist das hoch über der Landschaft gelegene Monsaraz.

Auf dem See sind Bootstouren ebenso möglich wie Kajak- und Stand-up-Paddling. An Land bieten sich Wanderungen und Radtouren an. Wer Évora mit dem Alqueva verbindet, bekommt damit auf vergleichsweise engem Raum zwei sehr unterschiedliche Seiten des Alentejo zu sehen: zunächst eine geschichtsträchtige Kulturstadt, anschließend eine dünn besiedelte Landschaft mit viel Wasser und weitem Horizont.

Wenn es dunkel wird, beginnt am Alqueva ein zweites Reiseprogramm

Ausgezeichnete Sicht aufs Nachfirmament. Foto: Turismo de Portugal
Ausgezeichnete Sicht aufs Nachfirmament. Foto: Turismo de Portugal

Mindestens einen Abend sollte man in dieser Region nicht zu früh im Hotel verbringen. Dark Sky Alqueva war 2011 das weltweit erste Gebiet, das als „Starlight Tourism Destination“ zertifiziert wurde. Heute erstreckt sich das zertifizierte Gebiet über mehr als 10.000 Quadratkilometer auf portugiesischer und spanischer Seite.

Durch die geringe Lichtverschmutzung sind unter günstigen Bedingungen die Milchstraße und zahlreiche Himmelsobjekte bereits mit bloßem Auge sichtbar. Im offiziellen Observatorium in Cumeada werden geführte Beobachtungen mit Teleskopen angeboten. Inzwischen gehören auch nächtliche Kanutouren und weitere astronomisch orientierte Erlebnisse zum Angebot.

Die Verbindung mit dem Kulturhauptstadtjahr ist durchaus schlüssig: Während Évora 2027 mit VAGAR dazu anregen möchte, Zeit und Umgebung bewusster wahrzunehmen, verlangt die Beobachtung des Nachthimmels genau diese Geduld.

Auch beim Essen ist Eile im Alentejo fehl am Platz

Das Prinzip VAGAR lässt sich ebenfalls auf die regionale Küche übertragen. Brot, Olivenöl, Kräuter, Käse und Fleisch bilden die Grundlage vieler traditioneller Gerichte. Zu den Spezialitäten gehört Açorda Alentejana, eine Brotsuppe mit Knoblauch, Koriander und Olivenöl. Auch Migas, bei denen Brot auf unterschiedliche Weise verarbeitet wird, sind für die Region typisch.

Hinzu kommt eine ausgeprägte Weinkultur. Die Weinberge des Alentejo liefern inzwischen einige der bekanntesten portugiesischen Rot- und Weißweine. Rund um Évora und den Alqueva lassen sich zahlreiche Weingüter besuchen.

So kommst Du nach Évora

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Ein Besuch im historischen Städtchen Évora gehört zum Pflichtprogramm / Foto: pixabay / franky1st

Für Reisende aus Deutschland ist Lissabon der naheliegendste Ausgangspunkt. Vom Bahnhof Lisboa Oriente bestehen direkte Intercidades-Verbindungen nach Évora; auch Entrecampos und Sete Rios werden auf der Strecke bedient. Die portugiesische Bahn CP führt die Verbindung in ihrem aktuellen Fahrplan für 2026.

Wer nur Évora besuchen möchte, kommt deshalb problemlos ohne Mietwagen aus. Die historische Innenstadt lässt sich ohnehin am besten zu Fuß erkunden.

Für eine Weiterreise zum Alqueva-See, nach Monsaraz und zu kleineren Orten des Alentejo ist ein Mietwagen dagegen deutlich praktischer. So lässt sich der Kulturhauptstadtbesuch auch flexibel mit mehreren Tagen in der Region verbinden.

Das passt letztlich ziemlich gut zu dem Gedanken, mit dem Évora 2027 für sich wirbt: nicht möglichst viele Sehenswürdigkeiten in möglichst kurzer Zeit abzuhaken, sondern etwas länger zu bleiben.

Titelbild / Der römische Tempel zählt zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten im historischen Zentrum von Évora, das seit 1986 zum UNESCO-Welterbe gehört. Bild: Visit Alentejo – Portugal

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