Wer nach Campione d’Italia reist, erreicht den Ort in der Regel über Schweizer Straßen. Die Umgebung wirkt typisch für das Tessin: gepflegte Uferpromenaden, enge Gassen und der Blick auf den Luganersee. Erst ein genauerer Blick auf die Ortsschilder verrät, dass sich Besucher nicht in der Schweiz befinden, sondern auf italienischem Staatsgebiet. Campione d’Italia gehört zur Lombardei, liegt jedoch vollständig innerhalb des Schweizer Kantons Tessin und zählt damit zu den wenigen echten Exklaven Europas.
Diese ungewöhnliche Lage ist kein Ergebnis moderner Grenzverläufe, sondern reicht weit in die Geschichte zurück. Über Jahrhunderte blieb Campione trotz politischer Veränderungen in der Umgebung mit Italien verbunden.
Wie mitten in der Schweiz ein Stück Italien entstand
Die Geschichte Campiones beginnt bereits im Jahr 777. Damals vermachte der langobardische Adlige Toto das Gebiet dem Benediktinerkloster Sant’Ambrogio in Mailand. Dadurch blieb Campione kirchlich und verwaltungstechnisch eng an Mailand gebunden, obwohl sich die politischen Verhältnisse in der Region im Laufe der Jahrhunderte immer wieder veränderten.
Anfang des 16. Jahrhunderts gelangte das umliegende Gebiet des heutigen Tessins unter die Herrschaft der Alten Eidgenossenschaft. Campione blieb jedoch im Besitz des Mailänder Klosters und wurde deshalb nicht Teil der eidgenössischen Gebiete. Als 1861 das Königreich Italien entstand, gehörte die Gemeinde folgerichtig zum neuen italienischen Staat, obwohl sie vollständig von Schweizer Territorium umschlossen war.
Seinen heutigen Namen erhielt der Ort erst 1933. Während der Regierungszeit Benito Mussolinis wurde der Zusatz „d’Italia“ offiziell eingeführt. Damit sollte die Zugehörigkeit zu Italien unmissverständlich hervorgehoben werden. An den geografischen Gegebenheiten änderte sich dadurch nichts – Campione blieb eine italienische Exklave am Ufer des Luganersees.
Bekannt durch das Casino
Obwohl Campione historisch und geografisch außergewöhnlich ist, verbinden viele Menschen den Ort vor allem mit seinem Casino. Das Casinò di Campione wurde 1917 eröffnet und zählt zu den traditionsreichsten Spielbanken Europas. In historischen Darstellungen findet sich zudem häufig der Hinweis, dass das Haus während des Ersten Weltkriegs auch als Treffpunkt für nachrichtendienstliche Kontakte genutzt worden sein soll. Gesichert ist vor allem, dass die Gründung eng mit den politischen Rahmenbedingungen jener Zeit verknüpft war.
Während Spielbanken in vielen europäischen Ländern strengen gesetzlichen Vorgaben unterliegen, unterscheiden sich die Regelungen zum Glücksspiel teils deutlich. In Italien werden Spielbanken und Online-Glücksspiel zentral staatlich über die Agenzia delle Dogane e dei Monopoli reguliert. Die Schweiz verfolgt mit dem Geldspielgesetz ebenfalls einen stark regulierten Ansatz und erlaubt Online-Casinospiele ausschließlich konzessionierten Schweizer Spielbanken. Deutschland wiederum setzt auf ein eigenes Lizenzsystem mit umfangreichen Vorgaben zum Spielerschutz und vorrangig klassischen Automatenspielen, die von regulierten Betreibern, wie LeoVegas online angeboten werden.
Unabhängig von diesen Unterschieden hat sich das Glücksspiel in den vergangenen Jahren deutlich verändert: Neben klassischen Spielbanken wächst der Online-Markt kontinuierlich, sodass stationäre Casinos heute ihr Angebot in einem Umfeld behaupten müssen, das zunehmend von digitalen Plattformen geprägt wird.
Im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelte sich das Casinò di Campione zum wirtschaftlichen Mittelpunkt der Gemeinde. Es schuf Arbeitsplätze, sorgte für hohe Steuereinnahmen und finanzierte zahlreiche kommunale Leistungen. Diese enge wirtschaftliche Abhängigkeit zeigte sich besonders deutlich nach der Insolvenz im Jahr 2018. Der Spielbetrieb wurde eingestellt, Bereits 2007 war das Casino in einen markanten Neubau des Schweizer Architekten Mario Botta umgezogen. Das Gebäude zählt mit seiner massiven Kubatur zu den auffälligsten Bauwerken am Luganersee.
Nach umfangreichen Sanierungsmaßnahmen nahm das Casino Anfang 2022 den Betrieb wieder auf. Seitdem steht es erneut für einen wichtigen Wirtschaftsfaktor der kleinen Exklave, wenn auch unter deutlich veränderten Rahmenbedingungen.
Alltag zwischen Italien und der Schweiz
Die besondere Lage Campiones prägt das tägliche Leben bis heute. Wer den Ort mit dem Auto erreichen möchte, fährt fast zwangsläufig über Schweizer Straßen. Auch viele Besorgungen, Arztbesuche oder Arbeitswege führen die Einwohner ins benachbarte Tessin. Dadurch entstand über Jahrzehnte eine enge wirtschaftliche und gesellschaftliche Verflechtung mit der Schweiz.
Lange Zeit spiegelte sich dies auch in zahlreichen praktischen Details wider. Campione nutzte unter anderem das Schweizer Telefonnetz, die Schweizer Post und orientierte sich im Zahlungsverkehr überwiegend am Schweizer Franken. Viele Dienstleistungen wurden über das Tessin organisiert, weil die geografische Nähe den Alltag erheblich erleichterte. Trotz dieser engen Verbindungen galt in Campione stets italienisches Recht, die Gemeinde unterstand den italienischen Behörden und die Einwohner besaßen die italienische Staatsangehörigkeit.
Campione ist bis heute ein Grenzraum mit besonderen Voraussetzungen. Die politische Zugehörigkeit ist eindeutig geregelt, viele alltägliche Abläufe orientieren sich jedoch an den praktischen Gegebenheiten vor Ort. Dadurch nimmt die Gemeinde innerhalb Europas eine außergewöhnliche Stellung ein.
Ein besonderer Status bis 2020
Nicht nur geografisch nimmt Campione eine Ausnahmestellung ein. Auch aus zollrechtlicher Sicht galten lange besondere Regelungen. Obwohl die Gemeinde zu Italien gehörte, war sie bis Ende 2019 vom Zollgebiet der Europäischen Union ausgenommen und wirtschaftlich eng in das Schweizer Zollsystem eingebunden. Diese Konstruktion erleichterte den Warenverkehr mit dem benachbarten Tessin und berücksichtigte die isolierte Lage der Exklave.
Mit dem 1. Januar 2020 änderte sich dieser Status grundlegend. Campione wurde in das Zollgebiet der Europäischen Union aufgenommen. Dafür mussten Zoll- und Verwaltungsabläufe neu organisiert werden. Auch steuerliche Vorschriften wurden angepasst, wobei der Gesetzgeber einzelne Sonderregelungen beibehielt, um den besonderen Standortbedingungen Rechnung zu tragen. So orientiert sich beispielsweise die Mehrwertsteuer weiterhin am niedrigeren Schweizer Satz und nicht am italienischen Standardsatz.
Für Unternehmen und Einwohner bedeutete die Reform neue Abläufe bei Einfuhren, Ausfuhren und administrativen Verfahren. Zugleich blieb die enge Verbindung zum benachbarten Tessin bestehen, da viele wirtschaftliche und soziale Kontakte unabhängig von Zollgrenzen fortbestehen.
Ein Sonderfall in Europa
Campione d’Italia gehört zu einer kleinen Gruppe europäischer Exklaven. Vergleichbare Beispiele sind das deutsche Büsingen am Hochrhein innerhalb der Schweiz, das spanische Llívia auf französischem Staatsgebiet oder die belgisch-niederländischen Grenzorte Baarle-Hertog und Baarle-Nassau. Jeder dieser Orte besitzt eine eigene historische Entstehungsgeschichte und besondere rechtliche Rahmenbedingungen.
Campione hebt sich jedoch durch die enge Verflechtung mit der Schweiz und die jahrhundertelange Kontinuität seines Sonderstatus ab. Die Gemeinde zeigt anschaulich, dass Staatsgrenzen nicht immer geradlinig verlaufen, sondern häufig das Ergebnis historischer Besitzverhältnisse, politischer Entscheidungen und internationaler Abkommen sind.
Wer heute durch Campione spaziert, bewegt sich auf italienischem Staatsgebiet, obwohl ringsum die Schweiz beginnt. Genau diese ungewöhnliche Konstellation macht den Ort zu einem geografischen Kuriosum und zu einem Beispiel dafür, wie Geschichte bis in die Gegenwart nachwirkt.
Titelbild / Symbolbild KI-generiert












