Blick über die rote Innbrücke auf das Brucktor und die pastellfarbenen Häuser der Wasserburger Altstadt bei blauem Himmel.

Wasserburg am Inn: Bayerische Bilderbuchstadt in der Innschleife

Ich fahre regelmäßig nach Wasserburg am Inn. Jedes Mal fühlt sich die Ankunft wie eine kleine Entdeckung an. Fährst du mit dem Auto über die rote Innbrücke in die Altstadt, bietet sich dir schon dort eine wunderschöne Ansicht. Vermutlich wird dieser grandiose Blick auf Wasserburg am häufigsten fotografiert. Durchfährst du das mächtige Brucktor, öffnet sich ein Stadtpanorama, das einem die Sprache verschlägt: pastellfarbene Häuser, Erker, Balkone und Türme bilden eine beinahe theaterreife Kulisse. Der imposante Inn umschließt die Altstadt. Der Fluss legt sich in einer engen Schleife um die historische Halbinsel und macht sie zu einer Art idyllischer Insel mitten in Oberbayern. Dass Wasserburg bislang kein UNESCO-Welterbe ist, erstaunt mich immer wieder.

Bei Nacht mit bunten Motiven und roten Lichtnetz-Projektionen angestrahltes historisches Brucktor in Wasserburg am Inn während einer Veranstaltung.
Das historische Brucktor in Wasserburg am Inn erstrahlt bei der Open-Air-Lichtkunst-Veranstaltung „Wasserburg leuchtet“ in farbenfrohen Projektionen mit Spinnennetz-Motiv. Foto: Ingo Paszkowsky

Vom Salz reich geworden

Die Geschichte Wasserburgs ist eng mit seiner strategischen Lage verbunden. Die Burg wird bereits zwischen 1085 und 1088 als „Wazzerburch“ erwähnt. Später entwickelte sich die Stadt zu einem wichtigen Handelsplatz zwischen Salzburg, München und dem südostbayerischen Raum. Vor allem Salz, das „weiße Gold“ des Mittelalters, brachte Wohlstand. Die Salzstraße führte über die Innbrücke durch das Brucktor und weiter durch die Stadt. Noch heute lässt sich an der Anlage der Gassen ablesen, wie sehr Handel, Lagerung und Zoll das Stadtbild bestimmten.

Straßenseite am Marienplatz in Wasserburg am Inn mit bunt verzierten Fassaden, Erkern und Sonnenschirmen der Außengastronomie.
Historische Bürgerhäuser mit Laubengängen prägen den Marienplatz in Wasserburg am Inn. Links ist die reich verzierte Fassade des Kernhauses zu sehen. Foto: Ingo Paszkowsky

Wie bereits erwähnt, führt der schönste Zugang zur Altstadt über die rote Innbrücke. Eine Innbrücke an dieser Stelle wird erstmals 1204 erwähnt. Der heutige Bau stammt aus den Jahren 1982/83, orientiert sich aber am historischen Erscheinungsbild. Dahinter erhebt sich das Brucktor, das 1470/71 erneuert wurde. Sein Wandgemälde von 1568 mit zwei geharnischten Wächtern erinnert an die einstige Wehrhaftigkeit der Stadt.

Die bemalte Treppengiebelfassade des Rathauses in Wasserburg am Inn hinter einer vergoldeten Statuensäule unter blauem Himmel.
Das spätgotische Rathaus am Marienplatz mit seiner reich bemalten Giebelfassade und der Mariensäule gehört zu den markanten Bauwerken der Wasserburger Altstadt. Foto: Ingo Paszkowsky

Historische Gebäude auf Schritt und Tritt

Gleich hinter dem Tor steht das Heiliggeist-Spital mit seiner Kirche. Mehr als sechs Jahrhunderte lang wurden hier alte und nicht mehr arbeitsfähige Bürger versorgt. Heute beherbergt das Gebäude die lokalgeschichtliche Sammlung „Wasserburg aus fünf Jahrhunderten“.

Detail der reich verzierten spätbarocken Fassade des Kernhauses am Marienplatz in Wasserburg am Inn.
Das Kernhaus am Marienplatz fällt mit seiner reich geschmückten spätbarocken Stuckfassade sofort ins Auge; sie entstand um 1735/40. Foto: Ingo Paszkowsky

Das Herz der Altstadt ist der langgestreckte Marienplatz mit Laubengängen, Geschäften und Cafés. Blickfang ist das spätgotische Rathaus, dessen mittelalterliche Teile zwischen 1457 und 1459 entstanden. Gleich daneben steht die frühgotische Frauenkirche. Ihr Turm wurde 1502/03 erhöht und diente lange als städtischer Feuerwachturm.

Gegenüber fällt das Kernhaus mit seiner üppigen spätbarocken Stuckfassade ins Auge. Sie entstand um 1735/40 und wird Johann Baptist Zimmermann oder seiner Werkstatt zugeschrieben. Nur wenige Schritte entfernt lohnt die Stadtpfarrkirche St. Jakob einen Besuch. Nach einem Stadtbrand wurde sie ab 1410 neu errichtet; berühmt ist ihre Kanzel der Bildhauerbrüder Zürn.

Rosafarbene historische Fassade der Marien-Apotheke in Wasserburg am Inn mit Zunftzeichen und einem gelben Trike davor.
Die Marien-Apotheke gehört zu den markanten historischen Fassaden im Zentrum von Wasserburg am Inn. Foto: Ingo Paszkowsky

Wer hinauf zur Burg geht, begegnet weiteren Spuren der Stadtgeschichte. Das Herzogliche Schloss war zunächst Sitz der Wasserburger Grafen und gelangte 1247 an die Wittelsbacher. Auch Reste der Stadtmauer, alte Türme, die Mauthäuser und das Museum Wasserburg erzählen von der Zeit, als Wasserburg Handelsstadt und Verwaltungszentrum war.

Einkaufen mit Altstadtflair

Weiße Arkaden in Wasserburg am Inn mit Tischen und Stühlen vor dem Hotel-Gasthof Paulanerstuben.
Der Hotel-Gasthof Paulanerstuben liegt direkt an einem der charakteristischen Laubengänge in der Altstadt von Wasserburg am Inn. Foto: Ingo Paszkowsky

Wasserburg ist kein Freilichtmuseum. Die Altstadt lebt, und gerade das macht ihren Reiz aus. Unter den Arkaden und in den schmalen Gassen haben sich zahlreiche kleine, häufig inhabergeführte Geschäfte erhalten. Statt austauschbarer Einkaufsstraßen findet man in kleinen Geschäften Mode, Feinkost, Bücher, Kunsthandwerk und ungewöhnliche Geschenkideen.

Schaufenster und Eingang von Pfeiffer am Rathaus in Wasserburg, davor Spielwaren, Kissen und ein goldener Gartenzwerg.
„Wunderland! Pfeiffer am Rathaus“ am Marienplatz ist ein farbenfrohes Fachgeschäft für Spielwaren, Papeterie, Wohnaccessoires und ausgefallene Geschenkideen. Foto: Ingo Paszkowsky

Mein persönlicher Favorit ist Wunderland! Pfeiffer am Rathaus am Marienplatz 3. Das Geschäft bezeichnet sich selbst als „Fachgeschäft für Wunder“ – und das trifft die Atmosphäre erstaunlich gut. Hinter der Tür wartet kein nüchtern sortierter Laden, sondern ein fantasievoll eingerichtetes Sammelsurium schöner, verspielter und manchmal herrlich unnötiger Dinge.

Zum Sortiment gehören nostalgisches Spielzeug, Kuscheltiere und Holzspiele, feine Papeterie, Notizbücher, Stifte und Postkarten, außerdem Bücher, Geschirr, Schmuck, Taschen, Wohnaccessoires und Geschenke für Kinder und Erwachsene. Bei den Spielwaren reicht die Auswahl von Blechspielzeug und Kreiseln bis zu Holzspielen, Puzzles und den kleinen Mäusewelten der dänischen Marke Maileg.

Lächelnde Inhaberin im Geschäft „Wunderland! Pfeiffer am Rathaus“ in Wasserburg am Inn neben dem Schild „Ab hier bitte lächeln!“
Ein freundlicher Empfang im „Wunderland! Pfeiffer am Rathaus“, die Inhaberin Anne Donath. Das farbenfrohe Fachgeschäft am Marienplatz in Wasserburg am Inn setzt auf verspielte Details und ungewöhnliche Geschenkideen. / Foto: Anne Donath / Wunderland! Pfeiffer am Rathaus

Gerade, weil die Auswahl nicht wie ein gewöhnlicher Laden wirkt, macht das Stöbern Spaß. In jeder Ecke lässt sich etwas entdecken: eine kleine Blechfigur, eine besondere Grußkarte, eine ausgefallene Tasse oder ein Mitbringsel, nach dem man gar nicht gesucht hatte. „Wunderland! Pfeiffer am Rathaus“ passt hervorragend zu Wasserburg. Der Laden ist individuell, ein wenig nostalgisch und voller Details – genau wie die Altstadt vor seiner Tür.

Wer nicht persönlich nach Wasserburg kommen kann, kann sich nach Angaben der Inhaberin Anne Donath ausgewählte Artikel auch zuschicken lassen. Ein klassischer Onlineshop ist angedacht, steht momentan nicht im Vordergrund: Die Bestellung erfolgt nach persönlicher Kontaktaufnahme – passend zu einem Geschäft, das von Beratung und Entdeckerfreude lebt.

Historischer Laubengang in Wasserburg am Inn mit Café-Tischen, Gelateria und Geschäften unter weißen Gewölben.
Unter den historischen Laubengängen in der Wasserburger Altstadt laden Cafés und kleine Geschäfte zum Bummeln und Verweilen ein. Foto: Ingo Paszkowsky

Feste, Märkte und Kultur durch das ganze Jahr

Für eine kleine Stadt besitzt Wasserburg einen bemerkenswert dichten Veranstaltungskalender. Fünf traditionelle Warenmärkte gehen auf eine Jahrmarktsordnung von 1803 zurück: Mittfastenmarkt, Georgimarkt, Bennomarkt, Michaelimarkt und Kathreinsmarkt. Welche Termine mit einem verkaufsoffenen Sonntag verbunden sind, weist die Stadt jeweils aktuell aus. Jeden Samstag ergänzt der Grüne Wochenmarkt in der Hofstatt das Angebot.

Blaskapelle in rot-schwarzer Tracht mit Saxofonen, Flöten, Trommel und Becken bei einem Umzug in Wasserburg am Inn.
Musikerinnen und Musiker in Tracht ziehen mit Blasinstrumenten durch die Wasserburger Altstadt – ein Beispiel für die lebendige Fest- und Musikkultur der Stadt. Foto: Ingo Paszkowsky

Im Frühjahr bringt das Frühlingsfest Volksfeststimmung in die Stadt. Im Sommer verwandeln das Arkadenfest, das Nationenfest, die Wasserburger Theatertage und der Klaviersommer die Altstadtplätze in Bühnen und Treffpunkte. Beim Töpfermarkt präsentieren Keramiker ihre Arbeiten, während Weinfest, Nachtflohmarkt und Inndammfest für gesellige Abende sorgen. Die Große Kunstausstellung unterstreicht Wasserburgs lebendige Kunstszene.

Stabhochspringerin während eines Wettkampfs vor bunten historischen Häuserfassaden in der Wasserburger Altstadt.
Beim Wasserburger Altstadtspringen wird die historische Innenstadt zur Sportarena: Stabhochsprung vor den bunten Fassaden der Altstadt. Foto: Ingo Paszkowsky

Auch sportlich ist einiges geboten. Zu den wiederkehrenden Terminen zählen der Wasserburger Lauf und das Altstadtspringen. Beim Hofstatt-Strand entsteht zeitweise sommerliches Urlaubsgefühl mitten in der Stadt. Hinzu kommen Konzerte im historischen Rathaus, die Wasserburger Volksmusiktage und zahlreiche Aufführungen der örtlichen Kulturvereine.

Im Herbst setzt „Wasserburg leuchtet“ die Stadt eindrucksvoll in Szene. Später folgen Konzerte und der Kathreinsmarkt. Den Jahresabschluss bildet der Christkindlmarkt, der an den Adventswochenenden in der Altstadt stattfindet. Zwischen geschmückten Fassaden, Lichterketten und historischen Laubengängen zeigt Wasserburg dann eine besonders stimmungsvolle Seite.

Eine Stadt, zu der man gerne zurückkehrt

Panorama-Aufnahme der dicht bebauten Altstadt-Halbinsel von Wasserburg am Inn, umschlossen vom Fluss Inn und umgeben von grünen Wäldern.
Von der Schönen Aussicht am Kellerberg zeigt sich besonders eindrucksvoll, wie eng der Inn die historische Altstadt von Wasserburg umschließt. Foto: Ingo Paszkowsky

Wasserburg verbindet vieles, was eine gelungene Städtereise ausmacht: eine ungewöhnliche Lage, eine fast geschlossen erhaltene Altstadt, bedeutende Bauwerke, kurze Wege, lebendige Kultur und individuelle Geschäfte. Hinzu kommen Cafés, Gasthäuser und Spazierwege am Fluss. Den besten Überblick bietet die „Schöne Aussicht“ am Kellerberg. Von dort wird sichtbar, wie eng der Inn die Altstadt umschließt und wie geschickt die Häuser auf der begrenzten Halbinsel zusammengerückt sind.

Vielleicht braucht Wasserburg tatsächlich kein UNESCO-Siegel, um besonders zu sein. Für mich gehört die Stadt jedenfalls zu den schönsten Kleinstädten Bayerns. Und bei jedem Besuch gilt: erst durch das Brucktor, dann über den Marienplatz – und auf keinen Fall an „Pfeiffer am Rathaus“ vorbeigehen.

Ingo Paszkowsky

Titelfoto / Die rote Innbrücke führt direkt auf das Brucktor zu und eröffnet einen der bekanntesten Blicke auf die historische Altstadt von Wasserburg am Inn. Foto: Ingo Paszkowsky

Ein historisches Epitaph aus rotem Marmor oder Stein mit einem Relief, das in die Ziegelwand am Portal des Alten Friedhofs in Wasserburg am Inn in Oberbayern eingelassen ist.
Ein historisches Epitaph aus rotem Marmor oder Stein mit einem Relief, das in die Ziegelwand am Portal des Alten Friedhofs in Wasserburg am Inn in Oberbayern eingelassen ist. Foto: Ingo Paszkowsky

Anreise nach Wasserburg am Inn

Mit dem Auto

Wasserburg am Inn liegt verkehrsgünstig am Schnittpunkt der Bundesstraßen B 304 und B 15. Wer aus Richtung München kommt, erreicht die Stadt über die B 304; aus Richtung Rosenheim und Landshut führt die B 15 nach Wasserburg. Von Traunstein und dem Chiemgau führt ebenfalls die B 304 in die Stadt.

Mit dem Auto sollte man gar nicht erst versuchen, möglichst weit in die verwinkelte Altstadt hineinzufahren. Die Stadt empfiehlt Ortsfremden ausdrücklich, eines der Parkhäuser am Rand der Altstadt zu nutzen. Besonders groß ist das Parkhaus Kellerstraße mit 565 Stellplätzen. Auch das Parkhaus Überfuhrstraße und der Parkplatz Unter der Rampe bieten sich an. In den Parkhäusern Kellerstraße und Überfuhrstraße sowie auf dem Parkplatz Unter der Rampe sind die ersten vier Stunden derzeit kostenlos; eine Tageskarte kostet 2,50 Euro. Von den Parkmöglichkeiten sind alle Ziele in der Altstadt in wenigen Minuten zu Fuß erreichbar.

Mit Bahn und Bus

Auch ohne Auto lässt sich Wasserburg gut erreichen. Der Bahnhof Wasserburg (Inn) Bahnhof liegt allerdings nicht direkt in der Altstadt, sondern rund vier Kilometer entfernt im Stadtteil Reitmehring. Er wird von den Regionalbahnlinien RB 48 Wasserburg–Grafing und RB 44 Rosenheim–Wasserburg–Mühldorf–Landshut bedient. Beide Strecken verkehren mindestens stündlich.

Aus Richtung München gibt es montags bis freitags mehrmals täglich direkte Züge zwischen München Ost und Wasserburg. Bei den übrigen Verbindungen erfolgt der Umstieg in Grafing Bahnhof. Wer über Rosenheim anreist, kann dort auf die RB 44 Richtung Wasserburg beziehungsweise Mühldorf umsteigen. Wasserburg gehört zum Münchner Verkehrs- und Tarifverbund MVV.

Vom Bahnhof in Reitmehring bringt die Stadtbuslinie 431 Reisende weiter in die Innenstadt. Bahn- und Busfahrpläne sind aufeinander abgestimmt. Der Stadtbus fährt werktags tagsüber überwiegend im Halbstundentakt, abends sowie an Sonn- und Feiertagen in der Regel stündlich.

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