Nur noch einen kleinen Augenblick...

Nizza feiert glamourös seinen 130. Karneval

Karneval, das ist nichts für mich: die Jecken, das Schunkeln und das ewige Helau-Gebrülle. Das dachte ich viele Jahre lang. Nun ja, der Karneval der Kulturen im Juni in Berlin ist da schon eine Ausnahme. Aber „echten“ Karneval zur Karnevalszeit habe ich lange Zeit gemieden, bis ich eher zufällig in den Karneval auf der Kanaren-Insel La Palma hineingeraten bin. Das ausgelassene Feiern bei angenehmen Temperaturen hat mich vom Gegenteil überzeugt. Umso mehr habe ich mich über die Einladung zum Besuch des 130. Karnevals in Nizza gefreut: Karneval an der Côte d’Azur unter Palmen und südlicher Sonne.

 

Foto: Ingo Paszkowsky
Foto: Ingo Paszkowsky

 

In rund zwei Stunden befördert Easyjet die Passagiere mit einem Airbus von Berlin-Schönefeld nach Nizza. Gerade gelandet, wünscht die Stewardess einen angenehmen Aufenthalt in der Stadt, „in der immer die Sonne scheint“. In der Tat lacht – wie erhofft – die Sonne bei der Ankunft, dennoch kann Nizza, statistisch gesehen, „nur“ auf 300 Sonnentage im Jahr verweisen.

Schon seit Monaten laufen die Vorbereitung für den Karneval, denn er ist von den rund zweitausend kulturellen Events, Festen und Sportveranstaltungen, die jedes Jahr in Nizza stattfinden, die wichtigste Winterveranstaltung an der Côte d’Azur. Einige Zahlen untermauern dies: Rund eine Million Besucher kommen zur Karnevalszeit und etwa direkte 600.000 Zuschauer zählt der Karneval von Nizza. Damit dieses Ereignis auch ein großartiges Fest wird, können die Organisatoren auf ein stattliches Budget von 6,5 Millionen Euro zurückgreifen. Der Karneval ist auch ein großer Wirtschaftsfaktor für die Stadt und die Region, denn 300 direkte Arbeitsplätze und noch einmal 1700 Stellen zur Karnevalszeit hängen von ihm ab. Bis zu 33 Millionen Euro sollen die Auswirkungen auf die Wirtschaft betragen.

 

Wer nicht weiterlesen will, kann sich dieses Video über die Eröffnungsveranstaltungen ansehen:

 

Wenden wir uns jetzt den Akteuren des Karnevals zu, der in diesem Jahr unter dem Motto König der Gastronomie steht. Womit die Stadt der Gastronomie ein Zeichen setzen und die Wiedereinführung des Qualitäts-Labels „Cuisine nissarde“ begehen will.

 

Blumen über Blumen

Die wichtigste Akteurin ist die Karnevalskönigin. Sie gibt es gleich zweimal, nämlich leibhaftig und als überdimensionale Kunstfigur. Die (leibhaftige) Königin des Karnevals wird jedes Jahr auf www.nicecarnaval.com gewählt. Aus neun Bewerberinnen, die im Vorfeld gecastet wurden, kann sie ab Januar das weltweite Publikum auserwählen. Jurastudentin Angeline Genovese ist in diesem Jahr Königin der Blumenschlachten. Bevor sich Königin Angeline mit ihrem Gefolge auf blumengeschmückten Festwagen vom (Karnevals-) Volk huldigen lässt und im Gegenzug dieses en masse mit wunderschönen Blumen bedenkt, ist die monatelange Vorarbeit vieler Künstler nötig. Da ist zuerst Chef-Schneiderin Caroline Roux zu nennen, die mit drei Gestalterinnen seit Oktober an den Kostümen für die Blumenmädchen arbeitet. Allein die Herstellung des Kostüms für die Königin hat 200 Stunden Zeit verschlungen. Dennoch pünktlich zur ersten Blumenschlacht am 15. Februar waren alle 27 Kostüme für die Blumenfrauen und weitere 20 Kostüme für die Reiterinnen des Umzugs fertig.

 

Die Köngign Angeline Genovese. Foto: Ingo Paszkowsky
Die Köngign Angeline Genovese. Foto: Ingo Paszkowsky

 

Die Kostüme sind nicht nur für ihre Trägerinnen maßgefertigt, sie müssen natürlich auch mit den Themen der einzelnen Blumenwagen korrespondieren. Eine weitere Akteurin, die im Hintergrund am Gelingen der großen Blumenshow arbeitet, ist Nicole Herlino. Man könnte sie als „inoffizielle Königin“ der Blumenschlacht titulieren. Sie leitet schon seit Jahren das Floristen-Team, das die Blumenwagen schmückt. Da Blumen eine verderbliche Ware sind, muss es bei ihrer Verarbeitung kühl und feucht sein. Die 18 Umzugswagen werden daher in einer großen Halle geschmückt, in die kaum Tageslicht dringt, und ständig mit Wasser besprüht. Ein unglaublich intensiver Blumenduft, geradezu berauschend, hängt in der Luft. Pro Wagen verarbeiten die Floristen rund 3000 Blüten – Gladiolen, Chrysanthemen, Gerbera, Margeriten, Rosen und Nelken und immer wieder gelb leuchtende Mimosen. Rund fünf Tonnen Blumen werden für jede Blumenschlacht auf die Wagen gebunden. „Der weitaus größte Teil der Blumen stammt aus den Anbaugebieten vor Ort, der Rest aus den französischen Übersee-Departments Martinique oder Guadeloupe“, erzählt Nicole Herlino. In der Endphase muss alles sehr schnell gehen, damit die Blumen nicht welken. Daher schmücken immer drei Floristen gemeinsam in 10 Stunden einen Wagen.

 

Die immer aktive Animiertruppe BAT. Foto: Ingo Paszkowsky
Die immer aktive Animiertruppe BAT. Foto: Ingo Paszkowsky

 

Freitagabend sind die Wagen geschmückt und die Kostüme fertig. Mit einer Ansprache des Bürgermeisters auf dem Masséna-Platz und einem Feuerwerk wird der Karneval eröffnet. Schauspielerlegende Gerard Depardieu, der wegen der geplanten hohen „Reichensteuer“ in Frankreich zunächst nach Belgien und dann nach Russland übersiedelte, beehrte die Karnevalseröffnung übrigens mit seiner Anwesenheit.

 

Ausgelassene Stimmung

Die Flugbegleiterin der Easyjet-Maschine hatte leider nicht recht. Am Samstag, dem ersten Tag des Karnevals, regnet es. Zum Glück lässt der Regen mit Beginn des Blumenkorsos nach. Jedoch kann das trübe Wetter weder den Akteuren noch den Gästen in irgendeiner Weise die Festtagslaune verderben. Die Blumenschlacht ist Lebensfreude pur und ein sehr sehenswertes Event. Auf der Promenade des Anglais, direkt am Meer, werfen die jungen Frauen von ihren Wagen den Zuschauern Blumen zu, bis zu 100.000 sollen es sein. Die Stimmung ist ausgelassen. Zwischen den Wagen defilieren Tanz- und Musikgruppen in thematischer Kostümierung, die teilweise weit angereist sind, zum Beispiel aus Brasilien und Tahiti. Auch aus Friedrichshafen in Deutschland war ein Spielmannszug mit mittelalterlicher Kostümierung mit dabei.

 

 

Die „Brigade für Animation“ (BAT) in schwarzroter Kostümierung sorgt mit Tanz, akrobatischen Einlagen und viel Konfetti dafür, dass die Stimmung immer auf dem Siedepunkt bleibt. Sie besteht aus 60 Tänzern, Akrobaten oder Zirkuskünstlern, die ständig in Aktion sind.

Gegen Ende des Umzugs ergießt sich dann als eigentlicher Höhepunkt ein Blumenregen über die Zuschauer. Die Wagen stehen anschließend ohne Blumen da und jeder Zuschauer kann hoffentlich mit (mindestens) einem Blumenstrauß nach Hause gehen. Nach anderthalb Stunden toller Unterhaltung ist der zauberhafte Umzug am Meer vorüber.

 

 

Für Oliven-Freunde

Bis abends der Karnevalsumzug beginnt, bleibt noch etwas Zeit, die schöne Altstadt mit ihren engen Gassen, zahlreichen Cafés, Restaurant und Läden zu erkunden. Da ist unbedingt der Markt zu nennen, dessen Besuch zum Pflichtprogramm gehören sollte. Wer ein Oliven-Fan ist, so wie ich, darf natürlich nicht versäumen, von den heimischen Oliven zu kosten. Sie sind recht klein, aber schmecken sehr pikant. Alles rund um die Olive gibt es bei Nicolas Alziari, 14 rue Saint Francois de Paule, zu kaufen. Die A.O.P.-Olive aus Nizza ist Frucht der Sorte „Cailletier“, die an der Küste des Departements Alpes-Maritimes angebaut wird. Die Speiseoliven werden in einer Meersalzlake eingelegt. Nach sechs Monaten haben sie ein zartes, knackiges und unvergleichlich Fruchtfleisch entwickelt. Die A.O.P.-Olivenöle aus Nizza werden aus Oliven gefertigt, die von November bis April geerntet werden. Die Ernte erfolgt traditionell durch Abschlagen. Dieses extra native Öl wird in 27 Ölmühlen des Departements gepresst. Die Olivenmühle Alziari, ist die einzige noch funktionierende Mühle in Nizza, die auch besichtigt werden kann.

 

Die Politik von Bundeskanzlerin Merkel in der Kritik. Foto: Ingo Paszkowsky
Die Politik von Bundeskanzlerin Merkel in der Kritik. Foto: Ingo Paszkowsky

 

Natürlich bietet es sich auch an, die Weine der Gegend zu testen. Die Bellet-Weine, als Rot-, Weiß- oder Rosé-Weine stammen aus kontrollierter Erzeugerabfüllung, passen gut zu der Nizzaer Küche und stehen in einem guten Ruf. Sie werden im Bergland von Nizza, etwa 20 Minuten vom Stadtzentrum kultiviert. Es bleibt auch noch etwas Zeit, eines der 20 Museen von Nizza zu besichtigen. Der Eintritt ist bei den Städtischen Museen übrigens kostenlos.

 

Imposante Lichtershow

Um 21 Uhr geht es dann los mit dem Karnevalsumzug auf dem Masséna-Platz und um die Gartenlage Albert I. 18 Festwagen von jeweils 12 Metern Länge, drei Meter breit und bis zu 17 Meter in die Höhe reichend, bestückt mit überdimensionalen Kunstfiguren, bringen das Gastronomiethema des diesjährigen Karnevals zur Geltung. Die drei Wagen an der Spitze sind der königlichen Karnevalsfamilie vorbehalten: der König (der übrigens am letzten Tag des Karnevals verbrannt wird, so will es der Brauch), seine Königin und deren Sohn Carnavalon. Mit den folgenden Wagen werden Persönlichkeiten auf die Schippe genommen oder Themen karikiert. So die große Angst der Spitzen-Köche vor den Michelin-Testern. Bundeskanzlerin Merkel schaffte es ebenfalls zum Karneval nach Nizza – als überlebensgroße Pappfigur, mit Besteck in der Hand, vor sich einen Topf mit „Euro“-Sauerkraut, worin sich vier Bürger anderer EU-Staaten winden. Hinter ihr schaut ein deutsches Pärchen (im bayerischen Look?) vergnügt aus seiner Bloghütte und freut sich des Lebens. Als der Wagen mit dem Pendant zum französischen Staatspräsidenten Holland folgt, der auf einem Berg stinkenden Käse sitzt, gibt es Pfiffe und Buhrufe.

 

Der Karnevalswagen mit einer Karikatur des französischen Präsidenten Hollande wird mit Buhrufen und Pfiffen begleitet. Foto: Ingo Paszkowsky
Der Karnevalswagen mit einer Karikatur des französischen Präsidenten Hollande wird mit Buhrufen und Pfiffen begleitet. Foto: Ingo Paszkowsky

 

Im Umzug sind auch Bekannte aus der Blumenschlacht zu finden: Der von zwei Personen gesteuerte Drache, der regelmäßig Dampfwolken ausbläst. Oder das gigantische Dinosaurier-Baby, das anmutig in luftige Höhe schwebt. Ebenfalls wieder dabei, die eigens für die Veranstaltung zusammengestellte Tribünenunterhaltungstruppe (BAT). Ich bewundere deren Ausdauer, denn auch hier tanzen sie wieder, animieren das Publikum zum mitmachen. Lichttechnisch umrahmt wird der Umzug von einer imposanten Lichtshow.

Am Abreisetag, dem Sonntag, scheint nun doch die Sonne. Es ist noch Zeit für einen Spaziergang am Meer und einen Kaffee am Strand. Einige Hotels und Restaurants haben schon Tische und Sonnenschirme auf dem steinigen Strand aufgebaut. Sonnenhungrige nehmen ein Sonnenbad. Und kaum zu glauben, aber es gibt auch welche, die (im Februar) im Mittelmer baden.

Wer sich diesen Spaß nicht entgehenlassen will, kann die diesjährige Saison noch bis 4. März genießen. Ansonsten gibt es 2015 ja den nächsten Karneval.

Ingo Paszkowsky

Titelfoto: Ingo Paszkowsky

 

Weitere Informationen: ATOUT FRANCE – Französiche Zentrale für Tourismus, Postfach 100128, 60001 Frankfurt am Main, www.rendezvousenfrance.com, info.de@rendezvousenfrance.com (für Anfragen aus Deutschland und entsprechend info.at und info.ch für Anfragen aus Österreich bzw. der Schweiz)

oder direkt de.nicetourisme.com und www.nicecarnaval.com

 

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