Wer an die Niederlande denkt, hat oft endlose Kanäle, weite Landschaften und historische Windmühlen vor Augen. Doch die wahre Seele des Landes liegt im Wasser und seiner traditionsreichen Seefahrt. Ende April durfte ich ein ganz besonderes maritimes Abenteuer erleben: Eine rund dreistündige Fahrt auf dem Veluwemeer an Bord der „HK 103“ – einem historischen, hölzernen Botter aus dem Jahr 1886. Ein Ausflug, der die bewegte Geschichte der Region perfekt mit purem Naturgenuss und kulinarischen Überraschungen verbindet.

Ein Schritt zurück in die Geschichte der Zuiderzee
Unsere Reise beginnt in der charmanten Hansestadt Harderwijk. Wo heute friedliche Randmeere die Landschaft prägen, erstreckte sich einst die wilde Zuiderzee. Über Jahrhunderte hinweg trotzten die Fischer in ihren robusten Holzschiffen den Elementen. Die sogenannten Botter – flachbodige Holzsegelschiffe – waren perfekt für die flachen Fanggründe dieser Gewässer geeignet.

Mit der Fertigstellung des Abschlussdeichs im Jahr 1932 und der damit einhergehenden Eindeichung wandelte sich die Zuiderzee zum süßen IJsselmeer. Damit endete die große Ära der kommerziellen Botter-Fischerei. Doch statt die stolzen Schiffe der Vergessenheit zu überlassen, werden sie heute mit viel Liebe und Engagement als schwimmende Kulturdenkmäler erhalten.

Zu Gast auf der HK 103: Leidenschaft, die verbindet
Verantwortlich für den Erhalt dieser maritimen Schätze ist die Organisation Chartervaart Harderwijk BV. Sie verfügt über eine beeindruckende Flotte von sieben authentischen Schiffen: vier Botter, zwei Wieringer Aken und eine Fischerschouw. Das Besondere daran? Betrieben, gepflegt und gesegelt werden die Schiffe von einer großen Gruppe begeisterter Freiwilliger.

Schon beim Betreten unserer HK 103 spürt man diese fantastische Atmosphäre sofort. Die Crew – drei fröhliche ältere Herren stilecht in traditioneller Fischerkleidung mit gestreiften Hemden, dunklen Westen und den typischen roten Halstüchern gekleidet – strahlt eine ansteckende Begeisterung aus. Jeder Handgriff sitzt, und das starke Gemeinschaftsgefühl der Ehrenamtlichen überträgt sich augenblicklich auf die Gäste. Wir sind an Bord keine anonymen Touristen, sondern Teil einer lebendigen Tradition.

Leinen los! Weite Ausblicke und unberührte Natur
Sobald HK 103 die Segel gesetzt werden und das Holz sanft im Wind knarrt, stellt sich eine tiefe Entspannung ein. Die Fahrt führt uns hinaus auf das Veluwemeer. Dieses Gewässer bildet eine faszinierende Verbindung zwischen Wasser und Land und hat sich zu einem der bedeutendsten Naherholungsgebiete der Region entwickelt.

Während der dreistündigen Fahrt eröffnen sich immer wieder atemberaubende Ausblicke auf die charakteristische Wasserlandschaft. Kleine Inseln, Schilfgürtel und ruhige Uferzonen wechseln sich ab. Das Wasser wirkt stellenweise fast wie ein großer See, dann wieder eher wie eine verwunschene Wasserlandschaft voller kleiner Kanäle und Buchten. Gerade diese Mischung macht den besonderen Reiz der Region aus.


Auch kulinarisch passte die Tour perfekt zur entschleunigten Stimmung. Bei einem Zwischenstopp an einer kleinen Naturinsel gab es ein vegetarisches Mittagessen mit frischen Snacks und Spezialitäten.

Während es auf dem Boot nur für die „höchst dringenden Fälle“ einen Gummieimer als Toilettenprovisorium gab, fand sich auf der Insel im Grünen sogar ein hochmodernes, autarkes „Natuur Húske“ (Öko-Toilette). So oder so, besser ist, du kommst die drei Stunden ohne Toilettengang aus.


Ein authentisches Must-Do in den Niederlanden
Die Botterfahrt ab Harderwijk ist weit mehr als nur ein Bootsausflug. Sie ist eine perfekt inszenierte Symbiose aus lebendigem maritimem Kulturerbe, tiefem Naturerlebnis und herzlicher Gastfreundschaft. Wer die Niederlande abseits der klassischen Pfade von ihrer authentischsten und schönsten Seite erleben möchte, sollte sich dieses Erlebnis im Frühling keinesfalls entgehen lassen.
Übrigens, falls du Lust hast als Freiwilliger mitzumachen, Chartervaart Harderwijk BV sucht noch Leute
Ingo Paszkowsky
Titelbild / Mit Stolz und Leidenschaft dabei: Ein ehrenamtlicher Skipper in traditioneller Tracht an Bord der HK 103. / Foto: Ingo Paszkowsky
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