Frau mit Maske

Wenn die Welt Maske trägt – eine Reise durch den Karneval

Der Rhythmus kommt zuerst. Tief, pochend, unausweichlich. Trommeln hallen durch enge Gassen, über breite Boulevards, über Plätze, die für ein paar Tage ihre Alltagsnamen vergessen. Federn schimmern im Sonnenlicht, Konfetti klebt auf Asphalt und lautes Lachen liegt in der Luft. Sonst eifrige Bürogänger begegnet man heute mit Glitzer im Gesicht und einer Krone auf dem Kopf.

Egal ob man ihn Karneval, Fasching oder Fastnacht nennt – überall folgt das Prinzip demselben uralten Muster: Bevor die Fastenzeit beginnt, wird das Leben gefeiert.

Rio de Janeiro: Das Herzbeben der Welt

Man sagt, man habe den Karneval erst gesehen, wenn man die Hitze von Rio gespürt hat. Die Energie von Tausenden von Körpern, die sich im Gleichklang bewegen. Im Sambódromo verwandelt sich Schweiß in Diamantenstaub. Wenn die großen Sambaschulen einziehen, ist das keine Parade – es ist eine Oper der Leidenschaft.

Karneval in Rio / Foto: pixabay / AlbertoBrazil
Karneval in Rio / Foto: pixabay / AlbertoBrazil

Jedes Kostüm erzählt eine Geschichte, jede Feder am Kopfschmuck wiegt schwer von monatelanger Arbeit in den Favelas. Hier ist der Karneval ein Ventil, eine stolze Demonstration von Kultur und Überlebenswillen. Rio ist laut, Rio ist gewaltig, Rio ist die pure, unfiltrierte Lebenslust. Wer einmal nachts in Rio zwischen Trommlern, Tänzern und Zuschauern stand, weiß: Das ist kein Fest, das ist ein Zustand.

Venedig: Das Flüstern hinter der Seide

Ein krasser Kontrast dazu erwartet den Reisenden in den Lagunenstädten Italiens. In Venedig ist der Karneval kein Schrei, sondern ein elegantes Flüstern. Der Nebel steigt von den Kanälen auf und hüllt die Piazza San Marco in ein mystisches Licht. Hier begegnet man der Bauta, der klassischen weißen Maske, die Identitäten auslöscht und den Bettler zum Edelmann macht – oder umgekehrt.

Fünf Frauen in historischen Kostümen
In Venedig ist der Karneval ein Spiel mit der Melancholie und dem Geheimnis. Die schweren Brokatstoffe der Kostüme rascheln auf dem Pflaster der Rialtobrücke. / Bild von Franz W. auf Pixabay

In Venedig ist der Karneval ein Spiel mit der Melancholie und dem Geheimnis. Die schweren Brokatstoffe der Kostüme rascheln auf dem Pflaster der Rialtobrücke. Es ist eine Ästhetik der Stille und der Haltung, die uns zurück in die Zeit der Dogen führt. Während Rio die Ekstase feiert, zelebriert Venedig die Inszenierung. Ein Muss für jeden Weltreisenden, der die leisen Töne und die tiefe Geschichte hinter der Maskerade sucht.

Deutschland: Die fünfte Jahreszeit und das Wir-Gefühl

Doch man muss nicht immer den Ozean überqueren, um den Geist des Karnevals zu finden. Im rheinischen Karneval – ob in Köln, Düsseldorf oder Mainz – offenbart sich eine ganz eigene, fast schon demokratische Form des Feierns. Hier ist die Verkleidung keine Barriere, sondern eine Brücke. Wenn die „Jecken“ die Rathäuser stürmen, bricht die Hierarchie zusammen.

Akteure ziehen mit brennendem Schilf durch die Altstadt von vielen Zuschauern bejubelt
Karnevalumzug Li Vlurd in Offida in Italien. / Foto: Ingo Paszkowsky

Es ist diese Mischung aus politischer Satire bei den Umzügen und der tiefen, fast rührseligen Verbundenheit in den Liedern, die den deutschen Karneval so einzigartig macht. Hier geht es nicht nur um das Spektakel für die Kamera, sondern um das „Wir“. Es ist eine Einladung an jeden Gast, für ein paar Tage Teil einer Gemeinschaft zu sein, die über sich selbst lachen kann.

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Li Vlurd in Offida. / Foto: Ingo Paszkowsky

Inseln, Hitze, Staub und Puder

Karneval auf La Palma: Feiernde Menschen in weißer Kleidung bei Los Indianos in Santa Cruz de La Palma, umgeben von Konfetti und ausgelassener Stimmung.
Karneval in Santa Cruz La Palma / Foto: Ingo Paszkowsky

Habt ihr schon den Karneval in Santa Cruz de Tenerife erlebt? Er gilt als der „zweitgrößte Karneval der Welt“ und bringt brasilianisches Flair auf die Kanaren, gepaart mit spanischem Temperament. Unser Lieblingskarneval ist allerdings der auf der Kanaren-Insel La Palma. Am Ende des Tages ist die Stadt Santa Cruz de la Palma völlig in weiß gehüllt. Die Karneval-Teilnehmer tragen weiße Kleidung und überschütten jeden und alles mit Puder oder Talkum. Das ist für die meisten ein Mordsspaß und extrem gute Laune ist angesagt.

Karneval auf La Palma: Feiernde Menschen in bunten Kostümen und Masken während eines Straßenumzugs in Santa Cruz de La Palma.
Karnevalisten, nehmt euch ein Beispiel an diesem Aktiven, schützt eure Atemwege. / Foto: Ingo Paszkowsky
Karnevalisten auf zentralen Platz
Karneval in Santiago de Cuba. Foto: Ingo Paszkowsky

Mehr als ein Fest

Karneval ist keine Folklore für Touristen. Er ist Ventil, Spiegel, Bühne. Er erlaubt das, was im Alltag keinen Platz hat: Übertreibung, Maskerade, kollektives Loslassen. Für Reisende ist er die vielleicht ehrlichste Art, eine Kultur zu erleben – nicht geschniegelt, nicht erklärend, sondern mitten im Herzschlag.

Und wenn am Aschermittwoch der letzte Konfettirest vom Gehweg gefegt wird, bleibt dieses leise Gefühl: Wir waren Teil von etwas Größerem. Wenn auch nur für ein paar Tage.

Akteurin im Karneval-Kostüm zeigt viel Haut
Sommerkarneval Rotterdam: Farbenprächtiges, karibisches Straßenfest. Foto: NBTC

Karnevalszeit verpasst? Kein Problem, denn in Rotterdam gibt es den Karneval auch im Sommer.

Mehr über den Karneval in WeltReisender Magazin

Karneval Nizza
Karneval in Nizza / Foto: Ingo Paszkowsky

Titelfoto / In Venedig ist der Karneval kein Schrei, sondern ein elegantes Flüstern. / Bild von Madeinitaly auf Pixabay

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