Ausstellung: Tom Jacobi – Grey Matter(s)


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Die Schwarzweiß-Fotografie hatte mich noch nie richtig begeistert – zu sehr liebe ich das Farbige. Aber viele Fotografen-Größen sehen das anders. Tom Jacobi, langjähriger „Stern“-Fotograf und „View“-Chefredakteur hat von seinen Reisen beeindruckende Schwarzweiß-Fotos mitgebracht, von denen 40 großformatige Werke des Künstlers in einer Austellung der CWC Gallery zu sehen sein werden.

 

© TOM JACOBI, ALL YEAR ROUND MOERAKI, OTAGO, NEW ZEALAND, 2014
© TOM JACOBI, ALL YEAR ROUND MOERAKI, OTAGO, NEW ZEALAND, 2014

 

Für seine neuesten Arbeiten bereiste Tom Jacobi in einem Zeitraum von über zwei Jahren insgesamt sechs Kontinente, um nicht nur die autarke und überzeitliche Anmut der Natur aufzuzeigen, sondern auch um die Wahrnehmung des Monumentalen zu schärfen. Ob der Berg Kirkjufell in Island, der Koekohe Beach in Neuseeland oder das Deadvlei in Namibia: Tom Jacobi hat jene fernen Orte besucht, die mit ihren ergreifenden Bergmassiven, Felsen, Gletschern und Dünenlandschaften die Grenzen der menschlichen Erfahrbarkeit überschreiten. Die Bewertung des Betrachters geht dabei über die Kategorien Schönheit oder Größe hinaus. Vielmehr findet sich der Rezipient in einer neuen Beziehung zum Gezeigten wieder, heißt es in der Pressemitteilung der Galerie. Diese visuelle Erfahrung ermöglicht Tom Jacobi in seinen Werken durch sein außergewöhnliches Verständnis für Ästhetik und Form sowie dank seiner metaphysischen Auseinandersetzung mit der Natur.

 

© TOM JACOBI, THE MAJESTIC ANTARCTIC PENINSULA, ANTARCTICA, 2014
© TOM JACOBI, THE MAJESTIC ANTARCTIC PENINSULA, ANTARCTICA, 2014

 

Der Titel der Ausstellung »Grey Matter(s)« verdeutlicht, dass die als unbunt definierte Farbe Grau von beachtlicher Bedeutung für Tom Jacobi und sein neuestes Schaffenswerk ist. Wird in der zeitgenössischen Fotokunst der enorme Farbenreichtum auf der Erde oftmals als Dimension für das Schöne und das beeindruckende Naturspektakel verstanden, besinnt sich Tom Jacobi auf andere Kriterien beim Auseinandersetzen mit und im Verständnis der Natur. Mittels der sorgfältigen Reduktion auf die wertvolle Palette der Grautöne, eines »pedantisch« austarierten Bildraumes und der notwendigen Geduld im Umgang mit der Natur als Porträtgegenstand ermöglicht Tom Jacobi in seinen Werken die Wahrnehmung einer schwer erzeugbaren ästhetischen Kategorie in der Kunst: das Sublime.

 

© TOM JACOBI, SHIPROCK NEW MEXICO, USA, 2015
© TOM JACOBI, SHIPROCK NEW MEXICO, USA, 2015

 

Nach Hans Ulbricht Gumbel, u.a. Professor an der Standford University, beschreibt das Sublime Momente des »Kunst-Erlebens, deren Größe, Komplexität oder Intensität das Fassungs- und Auflösungsvermögen der menschlichen Wahrnehmung überfordern«. Und in der Tat überschreiten in Tom Jacobis Werken die Dimension und Mächtigkeit das Wahrnehmungsvermögen des Betrachters. Die Natur wird in den Arbeiten weder erreichbar noch greifbar, sondern zeigt sich in ihrer Unermesslichkeit und Anmutung. Im Rahmen eingefangen und doch in der Wirkung exponierend, unterstreicht das Großformat der Arbeiten die entgegengebrachte Ehrfurcht, die Schrecken und Staunen auslösen kann.


 

© TOM JACOBI, ICE COLD JÖKULSÁRLÓN, ICELAND, 2015
© TOM JACOBI, ICE COLD JÖKULSÁRLÓN, ICELAND, 2015

 

Hat Ansel Adams in seinen Arbeiten Anfang und Mitte des 19. Jahrhunderts mit seiner kunsthistorisch prägenden Ästhetik das Erhabene anhand der amerikanischen Natur an der geschichtlich aufgeladenen »Frontier« aufgezeigt, so begreift Tom Jacobi den Topos des Sublimen eindrucksvoll im globalen Kontext – in einem Zeitalter, in dem auf der Welt das Erhabene an Beachtung zu verlieren droht.

 

Über Tom Jacobi

Tom Jacobi wurde 1956 in Bonn geboren und wuchs in Washington, D.C, und in Schleswig-Holstein auf. Nach einem Jura-Studium begann seine fotografische Karriere 1976 im Genre der Porträtfotografie, wobei sein Schwerpunkt auf das Porträtieren von führenden deutschen Politikern lag, darunter u.a. Willy Brandt, Ludwig Erhard, Helmut Schmidt und Helmut Kohl. Das Folgejahr bildete den Startpunkt seiner langjährigen Karriere beim »Stern«, für den Tom Jacobi in seiner ersten Zeit beim Magazin bis 1986 als Fotograf tätig war. Insgesamt erschuf er 29 Titelbilder für den »Stern« und gewann für seine prägende Arbeit u.a. Auszeichnungen des Art Directors Club. In den folgenden 14 Jahren war Tom Jacobi als freier Fotograf tätig und arbeitete für Magazine wie »New York Times Magazine«, »Amica« und »The New Yorker«, bevor er im Jahr 2000 als Art Director und Mitglied der Chefredaktion zum »Stern« zurückkehrte. Seine im gleichen Jahr fertiggestellte Fotografieausstellung »Wo Gott wohnt« wurde international präsentiert, u.a. im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg. Das gleichnamige Fotobuch avancierte schnell zu einem Bestseller. Im Jahr 2005 gründete Tom Jacobi das Magazin »View«, für das er bis 2008 als Chefredakteur tätig war. Seitdem ist Tom Jacobi als Fotokünstler tätig, er wohnt und arbeitet in Hamburg.

 

© TOM JACOBI, PEACEFUL MIND KIRKJUFELL, ICELAND, 2015
© TOM JACOBI, PEACEFUL MIND KIRKJUFELL, ICELAND, 2015

Ausstellung vom 23. Januar bis 16. April 2016, CWC GALLERY,  Auguststraße 11–13, 10117 Berlin

Öffnungszeiten: Dienstag – Samstag, 11–19 Uhr, Eintritt frei


Zur Ausstellung erscheint das gleichnamige Fotobuch im Hirmer Verlag.

Titelfoto / © TOM JACOBI, DISTRACTION SOSSUSVLEI, NAMIBIA, 2015

 

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