Buchcover von „Cooks letzte Reise“ von Hampton Sides mit Segelschiff auf stürmischer See auf Holzboden

Buch-Tipp: Cooks letzte Reise – zwischen Genie, Gewalt und Grenzerfahrung

(Dieser Beitrag enthält Werbelinks, die mit einem Sternchen (*) versehen sind. Wir finanzieren unsere Arbeit auch über Werbelinks und sogenannte Affiliate-Links. Hier erfährst Du mehr.)

Die englischsprachige Originalausgabe „The Wide Wide Sea: Imperial Ambition, First Contact and the Fateful Final Voyage of Captain James Cook“ fand bereits viele Leser und schaffte es sogar auf die Leseliste von Barack Obama. Nun gibt es die deutsche Ausgabe im Mare-Verlag. Hampton Sides liefert mit „Cooks letzte Reise“ ein Meisterwerk über die Ambivalenz der Entdeckung, imperiale Hybris und das tragische Ende eines der größten Navigatoren der Weltgeschichte. Es verbindet akribische Recherche mit erzählerischer Dichte – und zeigt eine historische Figur in all ihren Widersprüchen.

Wer heute nach Hawaii, Tahiti oder Alaska reist, begegnet dem Namen James Cook unweigerlich. Meist als heroischer Entdecker in Stein gemeißelt, blickt er über die Ozeane, die er als erster Europäer kartierte. Doch wer war dieser Mann wirklich, der auf seiner dritten und letzten Reise (1776–1779) nicht nur den Nord- und Südpolarkreis überquerte, sondern auch seinen moralischen Kompass zu verlieren schien? Hampton Sides* hat für sein neues Buch, das nun in deutscher Übersetzung* im Mare Verlag* erschienen ist, jahrelang recherchiert, Experten befragt und die Originalschauplätze besucht. Das Ergebnis ist ein packendes Epos, das uns die Südsee in einem völlig neuen, teilweise düsteren Licht zeigt.

Alte Schwarz-Weiß-Karte von Neufundland mit detaillierter Küstenlinie und nautischen Markierungen
Cooks Karte von Neufundland, erstellt im Auftrag des damaligen Gouverneurs Hugh Palliser, veröffentlichte Version von 1775 von Michael Lane und James Cook / Grafik: gemeinfrei

Eine schwimmende Arche auf geheimer Mission

Die Reise der Resolution und der Discovery begann in einer Zeit des Umbruchs. Während in den amerikanischen Kolonien der Unabhängigkeitskrieg tobte, schickte die britische Admiralität Cook auf eine Mission, die offiziell der Wissenschaft diente. Sogar Benjamin Franklin setzte sich für die Immunität der Schiffe ein, da Cook der gesamten Menschheit diene. Doch hinter der Fassade verbargen sich harte geopolitische Interessen: die Suche nach der legendären Nordwestpassage. Die Briten waren besessen von der Idee eines eisfreien Nordpols, getrieben von der (irrigen) Annahme, dass Meerwasser nicht gefrieren könne.

Die Resolution glich dabei einer „Arche Noah“. Neben einer hochmodernen Ausrüstung – darunter der Chronometer K1 von Larcum Kendall zur exakten Längengradbestimmung – waren massenweise Tiere an Bord. An Bord befand sich zudem geballte Kompetenz, wie etwa der erst 21-jährige William Bligh als oberster Navigator, der später durch die Meuterei auf der Bounty Weltruhm erlangen sollte.

Der Mann, der den Skorbut besiegte

Sides arbeitet heraus, dass Cook ein besessener Perfektionist war, seine Entscheidungen oft einsam traf und nicht erklärte. Sein größter Triumph war vielleicht gar nicht geografischer Natur: Mit einer Dauer von 1548 Tagen war dies die längste Expedition ihrer Zeit, und doch starb kein einziger Mann an Skorbut. Cook erzwang Hygiene und eine für damalige Verhältnisse revolutionäre Ernährung. Sein Instinkt rettete Leben, doch sein Führungsstil hatte eine Kehrseite: Seine sprichwörtliche Schweigsamkeit und Heimlichkeit ließen wenig Raum für Widerspruch.

Aufgeschlagenes Buch mit Weltkarte und eingezeichneter Route von Captain Cooks letzter Reise über mehrere Kontinente
Die Briten waren besessen von der Idee eines eisfreien Nordpols, getrieben von der (irrigen) Annahme, dass Meerwasser nicht gefrieren könne. / Bild: Mare

Die Ambivalenz der Begegnung: Eisen, Sex und rote Federn

Besonders die Schilderungen der kulturellen Begegnungen sind faszinierend und erschütternd zugleich. Sides beschreibt, wie Eisen auf den meisten Inseln in der Karibik zur alles beherrschenden Währung wurde. Einheimische zogen heimlich Nägel aus der Außenhaut der Schiffe und die Matrosen die Nägel aus dem Schiffsbauch, um sich Sex bei einheimischen Frauen zu erkaufen – ein Handel mit fatalen Folgen, auch wenn Cook versuchte, die Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten zu verhindern.

Besonders eindringlich ist die Beschreibung der ersten Begegnung mit Hawaii (von Cook „Sandwich-Inseln“ getauft, nach dem Erfinder des gleichnamigen Snacks, Lord Sandwich). Hier sah ein Europäer zum ersten Mal Menschen beim Surfen – eine Beobachtung des Arztes David Samwell. Doch die Idylle täuschte. Die Hawaiianer hielten Cook für ihren Gott Lono, was die Situation moralisch und politisch auflud.

Karte der Hawaii-Inseln im Pazifik mit Inselnamen wie Oahu, Maui und Kauai sowie Entfernungsangaben
Übersichtskarte zeigt die Lage und Ausdehnung der hawaiianischen Inseln im Pazifischen Ozean. / bild: gemeinfrei / United States Geological Survey (USGS)

Der Wendepunkt: Ein Held verliert die Fassung

Was Hampton Sides Buch* so lesenswert macht, ist die psychologische Schärfe. Er zeigt uns einen Cook, der im Alter von 50 Jahren seinen Elan verlor. Der einst besonnene Kapitän wurde zunehmend grausam. Für eine verschwundene Ziege ließ er auf Moorea ein ganzes Dorf niederbrennen; ein Einheimischer erhielt für einen Diebstahl 72 Peitschenhiebe – eine Strafe, die selbst seine hartgesottenen Offiziere schockierte.

Diese Gereiztheit und die Überstrapazierung der Gastfreundschaft führten letztlich in die Katastrophe. Die Admiralität hatte Cook eine unlösbare Aufgabe gestellt: Er sollte tausende Meilen Küste kartieren, ohne Zeit zu verlieren, und gleichzeitig jeder Spur folgen. Dieser Druck, kombiniert mit dem kulturellen Missverständnis in der Kealakekua-Bucht, wurde ihm zum Verhängnis.

Das furchtbare Ende in der Bucht der Götter

Der Tod Cooks am 14. Februar 1779 wird von Sides ohne falsches Pathos, aber mit großer Detailtiefe geschildert. Besonders makaber und beeindruckend sind die Beschreibungen der hawaiianischen Bestattungsriten. Wenn ein Gottkönig oder hoher Würdenträger starb, wurde das Fleisch von den Knochen getrennt. Ein einfacher Bürger wurde mit einem Korb, in dem die Gebeine deponiert waren, an den Klippen abgeseilt. Hatte dieser den Korb in einer Höhle platziert, wurde das Seil durchschnitten und er stürzte auf den Klippen zu Tode. Auf diese brutale Weise wurde die Grabstelle vor Grabräubern geschützt. Auch Cooks Gebeine erfuhren eine solche Behandlung, bevor Teile davon der Besatzung zurückgegeben wurden.

Tod von Captain James Cook auf Hawaii (historische Darstellung)
Historische Illustration zeigt die gewaltsame Auseinandersetzung zwischen den Männern von Captain Cook und Einheimischen auf Hawaii im Jahr 1779. / Bild: gemeinfrei

Je näher das Buch dem Finale kommt, desto dichter wird die Atmosphäre. Auffällig ist, dass aus Cooks letztem Lebensmonat keine eigenen Aufzeichnungen mehr existieren – ein Umstand, der Raum für Interpretation lässt. Sein Tod auf Hawaii wird schließlich als tragischer Höhepunkt einer Reise geschildert, die von Missverständnissen, Überheblichkeit und eskalierenden Konflikten geprägt war.

Cooks letzte Reise* ist kein klassisches Reisebuch, aber es ist essenziell für jeden, der die Welt verstehen will. Hampton Sides Buch* zeigt, wie Reisen einst aussahen: als Mischung aus wissenschaftlicher Neugier, imperialem Ehrgeiz und existenzieller Grenzerfahrung. Es führt eindrucksvoll vor Augen, dass Entdeckungen immer auch Begegnungen sind – und dass diese Begegnungen selten folgenlos bleiben.

Ein fesselndes, kluges und stellenweise erschütterndes Buch, das lange nachwirkt.

Du kannst das Buch im Buchandel kaufen oder online, z.B. bei Amazon*

Weißes Denkmal für Captain Cook in tropischer Landschaft mit Palmen und blauem Himmel auf Hawaii
Cook-Denkmal in Kealakekua / Bild: gemeinfrei / Wikipedia / Surfsupusa

Warum du dieses Buch lesen solltest

  • Historische Tiefe: Einblicke in die Anfänge des globalen Tourismus und Kolonialismus.
  • Spannung: Die Rekonstruktion der letzten Tage Cooks ist atmosphärisch dicht.
  • Wissen: Fakten über Navigation (K1-Chronometer) und Medizin (Skorbut-Prävention).
  • Perspektivwechsel: Der Blick auf die indigenen Kulturen der Maori, Hawaiianer und Tschuktschen ist respektvoll und fundiert.

Das sagt der Verlag

In »Cooks letzte Reise« beschäftigt sich Sides mit dem gefeierten englischen Seefahrer und Kartografen James Cook, der am 12. Juli 1776 – also vor genau 250 Jahren – mit der HMS Resolution zu seiner dritten großen Reise aufbrach. Zweieinhalb Jahre später sollte diese am Strand von Hawaii bekanntermaßen ein tragisches Ende finden: In einem Konflikt mit Einheimischen wurde Cook getötet. Doch wie kam es dazu, dass James Cook, der zunächst mit einem für seine Zeit bemerkenswerten Respekt gegenüber indigenen Völkern aufgefallen war, sich auf dieser Fahrt von einer ganz anderen Seite zeigte? Und wie könnte das mit dem geheimen Befehl zusammenhängen, die Nordwestpassage zu erschließen?

Diesen Fragen geht Hampton Sides in seinem akribisch recherchierten Buch auf die Spur, das sich wie eine rasante Abenteuergeschichte auf See liest und nicht nur ein neues Licht auf die Person des britischen Kapitäns, sondern auch auf das Zeitalter der sogenannten Entdeckungen wirft.

Titelbild / Hampton Sides liefert mit „Cooks letzte Reise“ ein Meisterwerk über die Ambivalenz der Entdeckung, imperiale Hybris und das tragische Ende eines der größten Navigatoren der Weltgeschichte. / Bild Mare

Du kannst das Buch im Buchandel kaufen oder online, z.B. bei Amazon*

Auch interessant

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen