Ich fahre regelmäßig nach Wasserburg am Inn. Jedes Mal fühlt sich die Ankunft wie eine kleine Entdeckung an. Fährst du mit dem Auto über die rote Innbrücke in die Altstadt, bietet sich dir schon dort eine wunderschöne Ansicht. Vermutlich wird dieser grandiose Blick auf Wasserburg am häufigsten fotografiert. Durchfährst du das mächtige Brucktor, öffnet sich ein Stadtpanorama, das einem die Sprache verschlägt: pastellfarbene Häuser, Erker, Balkone und Türme bilden eine beinahe theaterreife Kulisse. Der imposante Inn umschließt die Altstadt. Der Fluss legt sich in einer engen Schleife um die historische Halbinsel und macht sie zu einer Art idyllischer Insel mitten in Oberbayern. Dass Wasserburg bislang kein UNESCO-Welterbe ist, erstaunt mich immer wieder.

Vom Salz reich geworden
Die Geschichte Wasserburgs ist eng mit seiner strategischen Lage verbunden. Die Burg wird bereits zwischen 1085 und 1088 als „Wazzerburch“ erwähnt. Später entwickelte sich die Stadt zu einem wichtigen Handelsplatz zwischen Salzburg, München und dem südostbayerischen Raum. Vor allem Salz, das „weiße Gold“ des Mittelalters, brachte Wohlstand. Die Salzstraße führte über die Innbrücke durch das Brucktor und weiter durch die Stadt. Noch heute lässt sich an der Anlage der Gassen ablesen, wie sehr Handel, Lagerung und Zoll das Stadtbild bestimmten.

Wie bereits erwähnt, führt der schönste Zugang zur Altstadt über die rote Innbrücke. Eine Innbrücke an dieser Stelle wird erstmals 1204 erwähnt. Der heutige Bau stammt aus den Jahren 1982/83, orientiert sich aber am historischen Erscheinungsbild. Dahinter erhebt sich das Brucktor, das 1470/71 erneuert wurde. Sein Wandgemälde von 1568 mit zwei geharnischten Wächtern erinnert an die einstige Wehrhaftigkeit der Stadt.

Historische Gebäude auf Schritt und Tritt
Gleich hinter dem Tor steht das Heiliggeist-Spital mit seiner Kirche. Mehr als sechs Jahrhunderte lang wurden hier alte und nicht mehr arbeitsfähige Bürger versorgt. Heute beherbergt das Gebäude die lokalgeschichtliche Sammlung „Wasserburg aus fünf Jahrhunderten“.

Das Herz der Altstadt ist der langgestreckte Marienplatz mit Laubengängen, Geschäften und Cafés. Blickfang ist das spätgotische Rathaus, dessen mittelalterliche Teile zwischen 1457 und 1459 entstanden. Gleich daneben steht die frühgotische Frauenkirche. Ihr Turm wurde 1502/03 erhöht und diente lange als städtischer Feuerwachturm.
Gegenüber fällt das Kernhaus mit seiner üppigen spätbarocken Stuckfassade ins Auge. Sie entstand um 1735/40 und wird Johann Baptist Zimmermann oder seiner Werkstatt zugeschrieben. Nur wenige Schritte entfernt lohnt die Stadtpfarrkirche St. Jakob einen Besuch. Nach einem Stadtbrand wurde sie ab 1410 neu errichtet; berühmt ist ihre Kanzel der Bildhauerbrüder Zürn.

Wer hinauf zur Burg geht, begegnet weiteren Spuren der Stadtgeschichte. Das Herzogliche Schloss war zunächst Sitz der Wasserburger Grafen und gelangte 1247 an die Wittelsbacher. Auch Reste der Stadtmauer, alte Türme, die Mauthäuser und das Museum Wasserburg erzählen von der Zeit, als Wasserburg Handelsstadt und Verwaltungszentrum war.
Einkaufen mit Altstadtflair

Wasserburg ist kein Freilichtmuseum. Die Altstadt lebt, und gerade das macht ihren Reiz aus. Unter den Arkaden und in den schmalen Gassen haben sich zahlreiche kleine, häufig inhabergeführte Geschäfte erhalten. Statt austauschbarer Einkaufsstraßen findet man in kleinen Geschäften Mode, Feinkost, Bücher, Kunsthandwerk und ungewöhnliche Geschenkideen.

Mein persönlicher Favorit ist „Wunderland! Pfeiffer am Rathaus“ am Marienplatz 3. Das Geschäft bezeichnet sich selbst als „Fachgeschäft für Wunder“ – und das trifft die Atmosphäre erstaunlich gut. Hinter der Tür wartet kein nüchtern sortierter Laden, sondern ein fantasievoll eingerichtetes Sammelsurium schöner, verspielter und manchmal herrlich unnötiger Dinge.
Zum Sortiment gehören nostalgisches Spielzeug, Kuscheltiere und Holzspiele, feine Papeterie, Notizbücher, Stifte und Postkarten, außerdem Bücher, Geschirr, Schmuck, Taschen, Wohnaccessoires und Geschenke für Kinder und Erwachsene. Bei den Spielwaren reicht die Auswahl von Blechspielzeug und Kreiseln bis zu Holzspielen, Puzzles und den kleinen Mäusewelten der dänischen Marke Maileg.

Gerade, weil die Auswahl nicht wie ein gewöhnlicher Laden wirkt, macht das Stöbern Spaß. In jeder Ecke lässt sich etwas entdecken: eine kleine Blechfigur, eine besondere Grußkarte, eine ausgefallene Tasse oder ein Mitbringsel, nach dem man gar nicht gesucht hatte. „Wunderland! Pfeiffer am Rathaus“ passt hervorragend zu Wasserburg. Der Laden ist individuell, ein wenig nostalgisch und voller Details – genau wie die Altstadt vor seiner Tür.
Wer nicht persönlich nach Wasserburg kommen kann, kann sich nach Angaben der Inhaberin Anne Donath ausgewählte Artikel auch zuschicken lassen. Ein klassischer Onlineshop ist angedacht, steht momentan nicht im Vordergrund: Die Bestellung erfolgt nach persönlicher Kontaktaufnahme – passend zu einem Geschäft, das von Beratung und Entdeckerfreude lebt.

Feste, Märkte und Kultur durch das ganze Jahr
Für eine kleine Stadt besitzt Wasserburg einen bemerkenswert dichten Veranstaltungskalender. Fünf traditionelle Warenmärkte gehen auf eine Jahrmarktsordnung von 1803 zurück: Mittfastenmarkt, Georgimarkt, Bennomarkt, Michaelimarkt und Kathreinsmarkt. Welche Termine mit einem verkaufsoffenen Sonntag verbunden sind, weist die Stadt jeweils aktuell aus. Jeden Samstag ergänzt der Grüne Wochenmarkt in der Hofstatt das Angebot.

Im Frühjahr bringt das Frühlingsfest Volksfeststimmung in die Stadt. Im Sommer verwandeln das Arkadenfest, das Nationenfest, die Wasserburger Theatertage und der Klaviersommer die Altstadtplätze in Bühnen und Treffpunkte. Beim Töpfermarkt präsentieren Keramiker ihre Arbeiten, während Weinfest, Nachtflohmarkt und Inndammfest für gesellige Abende sorgen. Die Große Kunstausstellung unterstreicht Wasserburgs lebendige Kunstszene.

Auch sportlich ist einiges geboten. Zu den wiederkehrenden Terminen zählen der Wasserburger Lauf und das Altstadtspringen. Beim Hofstatt-Strand entsteht zeitweise sommerliches Urlaubsgefühl mitten in der Stadt. Hinzu kommen Konzerte im historischen Rathaus, die Wasserburger Volksmusiktage und zahlreiche Aufführungen der örtlichen Kulturvereine.
Im Herbst setzt „Wasserburg leuchtet“ die Stadt eindrucksvoll in Szene. Später folgen Konzerte und der Kathreinsmarkt. Den Jahresabschluss bildet der Christkindlmarkt, der an den Adventswochenenden in der Altstadt stattfindet. Zwischen geschmückten Fassaden, Lichterketten und historischen Laubengängen zeigt Wasserburg dann eine besonders stimmungsvolle Seite.
Eine Stadt, zu der man gerne zurückkehrt

Wasserburg verbindet vieles, was eine gelungene Städtereise ausmacht: eine ungewöhnliche Lage, eine fast geschlossen erhaltene Altstadt, bedeutende Bauwerke, kurze Wege, lebendige Kultur und individuelle Geschäfte. Hinzu kommen Cafés, Gasthäuser und Spazierwege am Fluss. Den besten Überblick bietet die „Schöne Aussicht“ am Kellerberg. Von dort wird sichtbar, wie eng der Inn die Altstadt umschließt und wie geschickt die Häuser auf der begrenzten Halbinsel zusammengerückt sind.
Vielleicht braucht Wasserburg tatsächlich kein UNESCO-Siegel, um besonders zu sein. Für mich gehört die Stadt jedenfalls zu den schönsten Kleinstädten Bayerns. Und bei jedem Besuch gilt: erst durch das Brucktor, dann über den Marienplatz – und auf keinen Fall an „Pfeiffer am Rathaus“ vorbeigehen.
Ingo Paszkowsky
Titelfoto / Die rote Innbrücke führt direkt auf das Brucktor zu und eröffnet einen der bekanntesten Blicke auf die historische Altstadt von Wasserburg am Inn. Foto: Ingo Paszkowsky

Anreise nach Wasserburg am Inn
Mit dem Auto
Wasserburg am Inn liegt verkehrsgünstig am Schnittpunkt der Bundesstraßen B 304 und B 15. Wer aus Richtung München kommt, erreicht die Stadt über die B 304; aus Richtung Rosenheim und Landshut führt die B 15 nach Wasserburg. Von Traunstein und dem Chiemgau führt ebenfalls die B 304 in die Stadt.
Mit dem Auto sollte man gar nicht erst versuchen, möglichst weit in die verwinkelte Altstadt hineinzufahren. Die Stadt empfiehlt Ortsfremden ausdrücklich, eines der Parkhäuser am Rand der Altstadt zu nutzen. Besonders groß ist das Parkhaus Kellerstraße mit 565 Stellplätzen. Auch das Parkhaus Überfuhrstraße und der Parkplatz Unter der Rampe bieten sich an. In den Parkhäusern Kellerstraße und Überfuhrstraße sowie auf dem Parkplatz Unter der Rampe sind die ersten vier Stunden derzeit kostenlos; eine Tageskarte kostet 2,50 Euro. Von den Parkmöglichkeiten sind alle Ziele in der Altstadt in wenigen Minuten zu Fuß erreichbar.
Mit Bahn und Bus
Auch ohne Auto lässt sich Wasserburg gut erreichen. Der Bahnhof Wasserburg (Inn) Bahnhof liegt allerdings nicht direkt in der Altstadt, sondern rund vier Kilometer entfernt im Stadtteil Reitmehring. Er wird von den Regionalbahnlinien RB 48 Wasserburg–Grafing und RB 44 Rosenheim–Wasserburg–Mühldorf–Landshut bedient. Beide Strecken verkehren mindestens stündlich.
Aus Richtung München gibt es montags bis freitags mehrmals täglich direkte Züge zwischen München Ost und Wasserburg. Bei den übrigen Verbindungen erfolgt der Umstieg in Grafing Bahnhof. Wer über Rosenheim anreist, kann dort auf die RB 44 Richtung Wasserburg beziehungsweise Mühldorf umsteigen. Wasserburg gehört zum Münchner Verkehrs- und Tarifverbund MVV.
Vom Bahnhof in Reitmehring bringt die Stadtbuslinie 431 Reisende weiter in die Innenstadt. Bahn- und Busfahrpläne sind aufeinander abgestimmt. Der Stadtbus fährt werktags tagsüber überwiegend im Halbstundentakt, abends sowie an Sonn- und Feiertagen in der Regel stündlich.
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