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Kasachstan: Einmal Almaty-Mangyschlak und zurück

8 Minuten Lesezeit

Kasachstan (Werbung)/ Mangyschlak – Ububup! Das erste Geräusch des Morgens. Danach scheint die Stille noch größer zu sein. Nicht mal der sonst allgegenwärtige Wind lässt sich hören. Der Wiedehopf muss seine Nisthöhle irgendwo oben in den Muschelkalkwänden haben. Da ruft er wieder. Ububup! Ich schiebe mich aus dem Schlafsack und öffne den Reißverschluss des Außenzelts. Die Sonne ist noch nicht über der Felswand erschienen. Ich bin nicht die erste da draußen. Igor sitzt am Feuerplatz und betrachtet rauchend die Reste des gestrigen Stör-Schaschlyks. Als er mich sieht, grinst er und winkt mich heran. Das Wasser in der Thermoskanne ist noch heiß, ich rühre mir Kaffeepulver und Trockenmilch zu einem kräftigen Aufwachgetränk.

Canyon Shakpakatasay. Foto: Dagmar Schreiber
Canyon Shakpakatasay. Foto: Dagmar Schreiber

Igor tappt zum Krokodil, wie er seinen Nissan Patrol liebevoll nennt und drückt im Inneren auf den bewussten Knopf. Ein grauenhaft lautes Weckgeräusch scheppert aus dem Auto und lässt den Wiedehopf verstummen. Pink Floyds „Time“ breitet sich wellenförmig nach allen Seiten aus, das Echo von den Felswänden ist gigantisch. Der Krach im Canyon verfehlt seine Wirkung nicht. Die Zelte öffnen sich, nach und nach kommen alle Vagabunden zum Vorschein, Schlafsäcke werden zum Lüften auf den Zelten ausgebreitet, eine Wanderungsbewegung zum Rinnsal unterhalb des Camps setzt ein. Igor bereitet dem Krach ein Ende, und das Ububup ertönt wieder.

Sherkala. Foto: Dagmar Schreiber
Sherkala. Foto: Dagmar Schreiber

Unser Guide und Koch Andrej hat im Vorzelt schon das Frühstück gekocht, es gibt Hirsebrei zum Fladenbrot, Käse und Wurst haben die gestrige Hitze gut überstanden. Nur das Löffelklappern ist zu hören. Und dann dieses Piepen. Wie von Geisterhand schiebt sich die Heckscheibe des Landrover nach unten, und nach einer Weile taucht aus dem Inneren des Wagens das runde Jungengesicht unseres zweiten Fahrers Zhenja auf. Schweigend und verschlafen hält er seinen leeren Kaffeebecher in die kühle Morgenluft. Ich erbarme mich und bringe ihm den rettenden Trunk, und nach zehn Minuten sagt Zhenja den erste Satz: Dobroje utro vsjem!

Als es ans Verladen der inzwischen abgebauten Zelte geht, ist er wieder in seiner üblichen fröhlichen Verfassung. Gegen zehn sind wir auf der Piste nach Schair. Das Mittagessen nehmen wir in der Fernfahrerkneipe an der Kreuzung von Tauschik ein, dann bewegen wir uns weiter am Nordrand des Karatau entlang, mal langsam rumpelnd wegen des Zustandes der Piste, mal mit 100 Stundenkilometern über den Grund eines ausgetrockneten Salzsees rasend, eine lange Staubfahne hinter uns herziehend. An der Kamelfarm von Torysch kosten wir frischen Schubat und Baursaki, am artesischen Brunnen vor Schair füllen wir unsere Wasserkanister auf. Den Ort selbst durchfahren wir heute zügig, die Übernachtung in Raissas Jurte weckt gemischte Erinnerungen. Die geschäftstüchtige Kasachin, Meisterin in der Herstellung von Kameldecken und Jurten, hatte im Vorjahr für den Aufbau der Jurte 1000 Dollar berechnen wollen. Wir wollten aber nicht in ihr Ausländer-Beuteschema passen und zahlten widerstrebend 500 Dollar, ein immer noch stolzer Preis für Abendessen und schlichte Übernachtung von sieben Personen.

Die Jurte wird aufgebaut - keine Angelegenheit, die nur Minuten dauert. Foto: Dagmar Schreiber
Die Jurte wird aufgebaut – keine Angelegenheit, die nur Minuten dauert. Foto: Dagmar Schreiber

Heute fahren wir gleich weiter zum Sommerlager von Itemgen am Fuß der Felsen von Akmyschtau. Andrej hat mit dem Kamelzüchter vereinbart, dass wir unsere Zelte unweit von dessen Lehmhütte aufbauen und einen Abend kasachischen Gastfreundschaft mit Beschbarmak genießen dürfen. Wir sind noch nicht einmal ganz aus unseren drei Autos ausgestiegen, da haben uns schon die Kinder umringt. Staunend verfolgen sie den Aufbau unseres mobilen Dorfes. So mickrige Jurten haben sie noch nie gesehen, trotzdem kriechen sie gern in die Zelte, helfen beim Aufblasen der Isomatten und beim Verspannen der Zeltschnüre.

Die 13-jährige Ajgerim schiebt stolz ihren winzigen Bruder Sultanbek im Kinderwagen über die Kamelweide. Tolebek und Tolebaj schnappen ein paar deutsche Worte auf und wiederholen sie kichernd immer wieder. Unsere Begeisterung für die Kamelkälber und die Lämmer muss ihnen komisch vorkommen, ungläubig verfolgen sie unsere Foto- und Streichelorgie. Pascal ist der Einzige, der bei der Vollstreckung des eigentlichen Schicksals eines Lamms zugegen ist. Ihm schmeckt das Beschbarmak trotzdem, welches nur drei Stunden nach dem Ableben des Tieres auf dem Dastarchan dampft. Das Essen ist vorzüglich, zum Glück wird nur eine einzige Runde Wodka ausgeschenkt, eher symbolisch.

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Foto: Dagmar Schreiber

Der Aksakal und sein ältester Sohn Serik trinken nicht, die fröhlichen karakalpakischen Gastarbeiter schon. Nur einer muss an diesem Abend mehr trinken, als ihm lieb ist. Klaus, unserem ältesten, wird die Ehre zuteil, neben dem Familienoberhaupt zu sitzen und von ihm nach alter kasachischer Sitte (Werbung) mit den besten Stücken des Hammels gefüttert zu werden. Weil Klaus aus Höflichkeit das ihm nicht geheure Hammelhirn nicht ablehnen mag, spült er mit Wodka nach. Die festliche Beleuchtung der Felsen von Akmyschtau am nächsten Morgen kann er nicht so euphorisch genießen, wie wir anderen. Der gemeinsame Aufbau der Jurte bringt ihn auf andere Gedanken. Klaus darf mit dem Aksakal zusammen das Allerheiligste der Jurte, den Schangyrak, emporheben, auf das alle anderen gleichzeitig möglichst viele Dachstangen in die dafür vorgesehenen Öffnungen balancieren und der Jurte damit ihren Halt geben. (Die Errichtung der Jurte dauert nicht eine Stunde, wie gewisse Legenden vom Nomadenleben der Kasachen weismachen wollen. Die ganze Familie nahm teil, und doch brauchte man mehrere Stunden. Entschuldigend darf geltend gemacht werden, dass Itemgen mehrere Knoten wieder lösen und neu binden musste, weil ich in meinem Übereifer auch etwas tun wollte und natürlich alle meine Knoten erbärmlich gerieten.)

Mittags gibt es Plow, und damit hat das Lamm seine Schuldigkeit getan. Bevor wir wieder aufbrechen und, nach dem Erklimmen der Felsen von Akmyschtau, weiterfahren in Richtung Ustjurt-Plateau, sitzen wir eine Stunde mit den Männern der Familie zusammen und beraten, ob wir diesen Zwischenstopp auf unserer Tour auch künftig anbieten dürfen. Wir haben hier kasachisches Leben ganz authentisch erlebt, und es wäre schön, wenn auch künftige Gruppen hier ein oder zwei Tage zu Gast sein könnten. Trotz aller Risiken, die mit dem Tourismus verbunden sind und trotz der relativ geringen Einnahmen, die Itemgen erwarten darf (mit dem Verkauf eines Kamels verdient er viel mehr als mit der Bewirtung und Beherbergung einer Gruppe von 10 Personen), entschieden wir uns alle dafür. Nicht zuletzt die Begeisterung der Kinder über diesen so exotischen Besuch dürfte entscheidend gewesen sein.

Scherkhala Mountain. Foto: Dagmar Schreiber
Scherkhala Mountain. Foto: Dagmar Schreiber

Nicht nur die Kamele und die immer noch halbnomadische Lebensweise der Züchter sind es, die den Reiz der dünnbesiedelten Halbinsel Mangyschlak ausmachen. In keiner anderen Region von Kasachstan gibt es so viele kulturhistorische Sehens- und Merkwürdigkeiten wie hier am Kaspischen Meer: Dutzende von Nekropolen, die mit ihren hellen Muschelkalkmausoleen in der Halbwüste leuchten, zahlreiche in die Cliffs gehauene Höhlen, die fälschlicherweise als unterirdische Moscheen bezeichnet werden, in Wirklichkeit aber Meditationsstätten von Sufis gewesen sind und heute als Wallfahrtsorte steigende Besucherzahlen verzeichnen. Dazu die atemberaubende Landschaft des Karatau-Gebirges und des Ustjurt-Plateaus, Sanddünen, Oasendörfer und einsame Strände am Kaspischen Meer – eigentlich müsste es heißen: „Nicht weitersagen!“ Und doch führt an der Entwicklung eines sanften Tourismus hier kein Weg vorbei. Der Oblast Mangystau ist ein typisches Beispiel für das, was Ölreichtum anrichten kann. Einerseits ist Mangystau eine der wichtigsten Geber-Regionen in Kasachstan, es fließt mehr ins Staatsbudget, als an Sozial- und anderen Leistungen zurückkommt. Andererseits ist die Armut hier in den Dörfern nicht zu übersehen. Die Kamelzüchter haben nichts vom Öl. Und auch der Ausbau von Kenderli zum größten mittelasiatischen Beachparadies wird an ihnen vorbeigehen. Sanfter Tourismus, der mit Hilfe der Kommunen entwickelt wird, könnte einigen Familien ein Zusatzeinkommen bescheren.

Akmyschtau. Foto: Dagmar Schreiber
Akmyschtau. Foto: Dagmar Schreiber

Sicher wird eine Handvoll Gruppen, wie die unsrige, kaum etwas bewegen können. Die Einnahmen von diesen wenigen Touristen reichen nicht einmal, um gewisse Anfangsinvestitionen wie passable Toiletten, Solarduschen oder Informationstafeln zu finanzieren. Aber ein Anfang muss gemacht werden. Nur eine steigende Nachfrage vermag den Staat davon zu überzeugen, Anschubfinanzierungen bereitzustellen. Das vielbeschworene touristische Cluster fällt nicht vom Himmel.

Dagmar Schreiber

Dagmar ist nicht nur eine ausgewiesene Kennerin der Region, sie ist zudem eine ausgezeichnete Reiseführerin. Ihr Spezialistenwissen findet Eingang in ihren Reiseführern, die bereits in mehreren Auflagen erschienen sind.

Mehr Informationen über Dagmar Schreiber:

www.kasachstanreisen.de

https://www.facebook.com/wildatheartKaz

Titelfoto / Die mickrigen Jurten – bei uns Zelte genannt – sind eine Attraktion für die Einheimischen. / Foto: Andrey Astafjev

Weitere Fotos, die für sanften Tourismus sprechen

Der Friedhof Shilkoz Meyram. Foto: Dagamr Schreiber
Akmyschtau: Wunderschöne Landschaft. Foto: Dagmar Schreiber
Bozzhira: Picknick vor grandioser Kulisse. Foto: Dagmar Schreiber
Bozzhira: Picknick vor grandioser Kulisse. Foto: Dagmar Schreiber
Das Kaspischer Meer ist der größte See der Erde. Foto: Dagmar Schreiber
Das Kaspischer Meer ist der größte See der Erde. Foto: Dagmar Schreiber

 

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