Die Welt aus den Angeln heben – eine starke dOCUMENTA (13)

Last updated on 17. Dezember 2020


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7 Minuten Lesezeit

Kassel – Ein bißchen mulmig konnte einem schon werden, als in der Vorberichterstattung die Kunde von der Gleichberechtigung der Erdbeere ging. Und von Hunden, die durch Skulpturengärten flanieren würden auf Augenhöhe mit ihren Haltern. Schon ward die dOCUMENTA zur Dogumenta verhunzt.

Doch zum Glück kam alles anders. Diese Ausgabe der Weltkunstausstellung ist eine Reise wert.

Sie ist universell und wird getragen von einer Vision. Sie weiß Prosa und Poesie zu vereinen, Kopf und Bauch, Sinnlichkeit und Intellekt.

Ryan Gander läßt eine frische Brise durchs Fridericianum wehen. Foto: Beate Lemcke
Ryan Gander läßt eine frische Brise durchs Fridericianum wehen. Foto: Beate Lemcke

So hätte man sich das auch von der Berlin Biennale gewünscht, deren Vorbote in Gestalt einer brisanten und streitbaren Biennale-Zeitung viel erwarten ließ. Doch mit dem Start schien alles verpufft. Artur Zmijewskis Biennale konnte ihren Anspruch eines Diskurses über Kunst und Politik in unserer Zeit nicht einlösen und hinterließ viele ratlos. Wahrscheinlich war der weitgehende Verzicht auf Kunstwerke ein Fehler?

Welch eine Fülle an herausragenden Werken, welch dicht gewebter Teppich an künstlerischen Äußerungen zur Zivilisation der Gegenwart, zu Werten, Utopien, zur Menschheits- und Kunstgeschichte dagegen bei der dOCUMENTA (13) unter der künstlerischen Leitung von Carolyn Christov-Bakargiev. Freilich vermochte nicht alles gleichermaßen zu berühren, aber ich fand keinen einzigen belanglosen Beitrag.

Wir leben in einer Zeit, in der alles dem Wachstum untergeordnet wird und in der die Wirtschaft das Regiment übernommen hat und Politiker wie Marionetten an ihren Fäden baumeln läßt. Doch werden letztlich Menschlichkeit und Sensibilität über unsere Zukunft entscheiden.

Nicht auf Konfrontationskurs - draußen Occupy, drinnen Kunst. Foto: Beate Lemcke
Nicht auf Konfrontationskurs – draußen Occupy, drinnen Kunst. Foto: Beate Lemcke

Die Kunst, die in Kassel zu sehen ist, trägt diese Gedanken in sich ohne spröde zu verkopfen. Obwohl durchaus politisch ist die dOCUMENTA keine Propagandashow, sondern ein sinnliches Ereignis. Allerdings eines, daß eine gute körperliche Verfaßtheit voraussetzt. Zwei Tage dafür Zeit nehmen sollte man sich schon.

Neben den Hauptausstellungsorten Fridericianum, documenta-Halle und Kulturbahnhof gibt es dutzende andere Orte in der Stadt und dazu noch die weitläufige Karlsaue mit diversen Pavillons, Installationen und Anpflanzungen.

In der Unteren Karlsstraße 14 erzählt Walid Raad aus dem Libanon eine Geschichte der Kunst in der arabischen Welt. Dabei vermischen sich recherchierte Fakten mit phantasievollen Fortschreibungen, mit gewagten Interpretationen und telepathischen Einlassungen. Wie haben sich die Libanonkriege der letzten drei Jahrzehnte auf die Farben, auf Linien und Formen und Gestalten ausgewirkt?

Skulpturen von Adrián Villar Rojas auf den Weinbergterrassen. Foto: Beate Lemcke
Skulpturen von Adrián Villar Rojas auf den Weinbergterrassen. Foto: Beate Lemcke

Gerard Byrne aus Irland läßt in spannend verwobenen Monologen und Bildschnitten in einer begehbaren Installation im Großen Ballsaal des Grand City Hotel Fragen zur Liebe diskutieren.

Zu den Höhepunkten an Malerei gehören wohl Emily Carrs Landschaften und Waldszenen im Neuen Museum. Die eigenwillige Frau aus Kanada (1871 bis 1945) war zu ihrer Zeit bahnbrechend-modernistisch, und ihre Malerei hat bis heute keine Patina angesetzt.

Auch Etel Adnan (geboren 1925 in Beirut) ist zu nennen, der in der Documenta-Halle ein ganzer Raum gewidmet ist. Adnan, Schriftstellerin, Dichterin und Künstlerin, lebt unweit von San Francisco am Fuße des Berges Mont Tamalpais, mit dem sie in stetem Dialog steht. Zahlreiche von 1950 bis 2011 entstandene kleine Ölgemälde bezeugen diese Gefährtenschaft von Mensch und Natur.

Der teils verregnete Sommer hat sein Gutes zumindest für die reichen Anpflanzbemühungen vis-à-vis der Orangerie und in der Karlsaue. Es grünt und blüht, und sogar Gemüse reift, daß es eine Freude ist.

Bedrohte Tierwelt - ein Thema der Australierin Fiona Hall in der Karlsaue. Foto: Beate Lemcke
Bedrohte Tierwelt – ein Thema der Australierin Fiona Hall in der Karlsaue. Foto: Beate Lemcke

Zum Lobpreisen der Schönheit und Regenerationsfähigkeit der Natur gehört das Wissen um ihre Bedrohung. Muß unsere Zivilisation sich zwangsläufig auf Kosten der Natur entwickeln? Bei der Australierin Fiona Hall, die ihre Arbeit in einer Art Jagdhütte in der Karlsaue ausbreitet, sitzt der Schrecken in der Schönheit und im Skurrilen. Aufwendig aus Militärstoffen gefertigt, mit Kronkorken und allerlei Fundstücken verziert, zeigen sich gefährdete Arten in den Camouflage-Mustern der jeweiligen Länder. Die Tarnung hilft den Tieren nicht.

Zu den starken Arbeiten im Kulturbahnhof gehört die Persiflage auf Unabhängigkeitskampf und Korruption, Opferkult und Gewalt gegen Ethnien von Kudzanai Chiurai aus Simbabwe.

William Kentridge aus Johannesburg verzaubert mit seiner wuchtigen, mitreißenden Inszenierung aus Schattenspiel, Theater, Musik und Pneumatik. Ein allegorisches Werk über die moderne Gesellschaft. Für einen Moment traut man ihm zu, die Welt aus den Angeln zu heben.

www.documenta.de / Kassel bis 16. September 2012, täglich 10 – 20 Uhr

Beate Lemcke

Titelfoto / Eine Nähwerkstatt ganz aus Holz von István Csákány. / Foto: Beate Lemcke

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