Thomas Bauer in einem Seekajak auf glasklarem Wasser vor einem hellen Sandstrand und grünen Hügeln

Indonesien: Und dann steht der Komodowaran vor mir

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Kajakfahren zwischen Drachen, Korallen und Palmen. Eine Reise durch Indonesiens wilden Osten.

Er ist größer, als ich ihn mir vorgestellt habe. Bestimmt zweieinhalb Meter lang und über 60 Kilogramm schwer. Langsam schiebt sich der Komodowaran über den staubigen Boden. Seine gespaltene Zunge tastet durch die Luft. Ich stehe nur wenige Meter entfernt – und frage mich, ob das wirklich eine gute Idee war.

Eine Schlange auf vier Beinen

Eine Schlange auf vier Beinen – dieser Vergleich kommt nicht von ungefähr. Wie manche Schlangen besitzen auch Komodowarane Giftdrüsen. Ihre Beute kann nach einem Biss binnen Stunden oder Tagen sterben. Die größten Echsen der Welt fressen nahezu alles: Aas, Hirsche, Wildschweine, selbst Büffel mit bis zu 300 Kilogramm Gewicht. Und wenn es sein muss, auch einen Artgenossen. Sie laufen schneller als Menschen, schwimmen mühelos zwischen den Inseln und die Jungtiere flüchten bei Gefahr geschickt auf Bäume.

Thomas Bauer hinter einem großen Komodowaran in einer trockenen hügeligen Graslandschaft
Bitte lächeln! Autor Thomas Bauer begegnet einem der berühmtesten Bewohner der indonesischen Inselwelt: einem mächtigen Komodowaran. Bild: Thomas Bauer

„Geh ruhig näher ran“

„Geh ruhig näher ran“, sagt der Ranger. Er lächelt ununterbrochen und wirkt kaum älter als zwanzig. Sein einziger Schutz ist ein Stock, der eher symbolisch aussieht. Beruhigend ist das nicht. Also gehe ich vorsichtig in die Hocke. Für einen kurzen Moment scheint der Waran mich zu ignorieren. Dann dreht er den Kopf. Sein Blick trifft meinen. Ein tiefes Fauchen zerreißt die Stille. Der Ranger hebt nur leicht die Hand. Jetzt sei wohl der richtige Zeitpunkt für einen würdevollen Rückzug. Ich widerspreche nicht.

Jurassic Park – nur echt

Auf Komodo leben knapp 2.000 Menschen. Und fast genauso viele Warane. Seit Generationen funktioniert das Zusammenleben. Die Häuser stehen auf Stelzen, und bevor jemand vor die Tür tritt, schaut er sich erst einmal gründlich um.

Panoramablick über grüne Hügel, mehrere Buchten und das blaue Meer im Komodo-Nationalpark
Von einem Aussichtspunkt eröffnet sich der Blick auf zerklüftete Hügel, geschützte Buchten und die tiefblaue Inselwelt eines kleinen Teil des Komodo-Nationalparks. Bild: Thomas Bauer

Natürlich verschwindet gelegentlich eine Ziege oder ein zum Trocknen aufgehängter Fisch. Doch die Warane bringen auch Wohlstand auf die Insel. Seit der Gründung des Nationalparks im Jahr 1980 kommen Besucher aus aller Welt hierher, um den einzigen Ort zu erleben, an dem – von Krokodilen abgesehen – ein Reptil an der Spitze der Nahrungskette steht.

Komodo fühlt sich daher an wie »Jurassic Park« – nur ohne Spezialeffekte. Wenn doch einmal etwas passiert, sind fast immer Menschen schuld. Ein Fotograf aus Singapur verließ den Weg, legte sich für ein besseres Bild vor einen Waran auf den Boden und bemerkte nicht, dass sich von hinten bereits ein zweites Tier näherte. Wer dagegen die wenigen Regeln der Ranger beachtet, kann den Drachen erstaunlich sicher begegnen.

Gruppe von Kajakfahrern auf kristallklarem türkisfarbenem Wasser vor grünen Inselbergen
Im türkisfarbenen Wasser paddelt die Gruppe zwischen den weitgehend unberührten Inseln des Komodo-Archipels. Bild: Thomas Bauer

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Mit dem Kajak durchs Korallendreieck

Zur Insel bin ich mit der „Rafida“ gekommen, einem kleinen zweistöckigen Schiff mit vier Kabinen. An Bord: sechs Franzosen, eine erfahrene Crew und ein Dutzend Kajaks. Unser Ziel ist nicht nur Komodo, sondern auch Flores, Rinca und Padar – Inseln, die zu den schönsten Landschaften Indonesiens gehören.

Und meine Mitreisenden? Sind so unterschiedlich wie die Inselwelt selbst! Christophe träumt davon, der französische Keith Richards zu werden und spielt jeden Abend Gitarre. Serge war 25 Jahre lang sein schärfster Konkurrent im Schokoladengeschäft, bis beide beschlossen, lieber gemeinsam die Welt zu bereisen.

Mehrere farbige Seekajaks an einem kleinen tropischen Strand mit klarem Meerwasser
Die Seekajaks liegen an einem kleinen Strand bereit, während das klare Wasser zu einer weiteren Tour durch die Inselwelt von Komodo einlädt. Bild: Thomas Bauer

Solange erfüllt sich trotz einer unheilbaren Krebserkrankung ihren Traum von einer letzten großen Expedition. Philippe, Arzt und Weltreisender, lebte mit seiner Familie einen Monat bei einem kaum von der Zivilisation berührten Indianerstamm. Und Julien führt seit Jahrzehnten Kajakexpeditionen rund um den Globus. Mit ihm kann man irgendwo im Dschungel unterwegs sein – und plötzlich begrüßt ihn ein Einheimischer wie einen alten Freund. Selten bin ich mit einer interessanteren Reisegruppe unterwegs gewesen.

Mehrere Teller mit gefüllten Fladenbroten, Schokoladenkuchen und bunten Süßspeisen auf einem Tisch
Für einen erlebnisreichen Tag auf dem Wasser gibt es zur Vorbereitung eine reichhaltige Mahlzeit. Bild: Thomas Bauer

Über einer anderen Welt

Schon nach den ersten Paddelschlägen wird klar, dass die eigentliche Sensation nicht an Land liegt. Unter unseren Booten breiten sich Korallen in allen Farben aus. Hummer krabbeln über den Meeresboden, Seesterne leuchten zwischen den Riffen, Fischschwärme ziehen unter den Kajaks vorbei. Immer wieder tauchen Meeresschildkröten auf und verschwinden lautlos wieder in der Tiefe.

Beim Schnorcheln beginnt das Wasser zu leuchten. Sonnenstrahlen tanzen zwischen den Korallen und verwandeln die Unterwasserwelt in ein Farbenspiel, das fast unwirklich wirkt. Wer dieses Licht einmal erlebt hat, versteht sofort, warum so viele Menschen immer wieder nach Indonesien zurückkehren.

Meeresschildkröte schwimmt zwischen verzweigten Korallen in der Unterwasserwelt von Komodo
Die Gewässer des Komodo-Nationalparks beherbergen eine faszinierende Unterwasserwelt mit Meeresschildkröten, Fischen und artenreichen Korallenriffen. Bild: Thomas Bauer

Natürlich verlangt das Meer Respekt. Offene Wasserflächen können sich innerhalb kurzer Zeit aufschaukeln. In schmalen Passagen beschleunigen Wind und Strömung, manchmal teilen wir uns die Fahrrinne mit größeren Schiffen. Doch unser Guide Julien kennt jede Bucht und jede Strömung. Die größte Herausforderung bleibt am Ende die tropische Sonne, deren Kraft sich auf der Wasseroberfläche noch vervielfacht.

Indonesien denkt groß

Indonesien besteht aus rund 17.000 Inseln und zählt fast 300 Millionen Einwohner. Zusammengehalten wird dieser riesige Inselstaat nicht nur durch Bahasa Indonesia, eine bewusst einfach gehaltene Sprache, sondern auch durch eine bemerkenswert klare Zukunftsvision. Bis 2045, dem 100. Geburtstag der Republik, soll Indonesien zu den fünf stärksten Volkswirtschaften der Welt gehören. Die Voraussetzungen sind vorhanden: riesige Nickel- und Zinnvorkommen, die größte Goldmine der Erde, eine junge Bevölkerung und seit Jahren stabiles Wirtschaftswachstum. Milliarden fließen in Straßen, Häfen und die neue Hauptstadt Nusantara auf Borneo.

Mehrere Kajakfahrer auf ruhigem Wasser vor Mangrovenwald und einem steilen grünen Berghang
Die Paddelgruppe durchquert eine ruhige Wasserlandschaft, eingerahmt von dichten Mangrovenwäldern und den markanten Hügeln der Komodo-Inseln. Bild: Thomas Bauer

Für Reisende zeigt sich Indonesien dagegen von seiner entspannten Seite. Freundlichkeit scheint hier selbstverständlich zu sein. Unser Schiffsjunge Gordi lächelt an einem einzigen Tag häufiger als mancher Berliner Busfahrer während seiner gesamten Arbeitswoche. Zwischen Indischem Ozean und Pazifik paddeln wir durch das Korallendreieck – eines der artenreichsten Meeresgebiete der Erde. In den kommenden Tagen begegnen mir Delfine, Riffhaie und sogar Dugongs, die scheuen Seekühe.

Doch an den Moment werde ich mich am längsten erinnern, als ein Komodowaran nur wenige Meter vor mir den Kopf hob, mich musterte und entschied, dass ich heute nicht auf seinem Speiseplan stand.

Info-Box

Anreise: Beispielsweise mit Etihad über Abu Dhabi und Jakarta. Ausgangspunkt für Erkundungen rund um Komodo ist Labuan Bajo auf der Insel Flores. An- und Abreise können langwierig sein.

Beste Reisezeit: Mai/Juni und September/Oktober, dann ist Trockenzeit, aber keine Hauptsaison (Juli/August)

Organisation: KOMODO KAYAKING in Labuan Bajo mit ausgebildeten Tourguides: komodokayaking.com. VOYAGE KAYAK in Briançon von Julien Burellier mit Top-Ausrüstung (insb. Paddel), Julien ist zertifizierter Kajak-Guide mit 25 Jahren Erfahrung und spricht fließend Französisch und Englisch: voyage-kayak.com. Zehntägige Paddeltour mit Übernachtung und Verpflegung auf dem Schiff ca. 4000 Euro. Schwierigkeit: moderat (zur Not lässt man eine Tour aus und bleibt an Bord).

Orangefarbener Sonnenuntergang über dem Meer mit dunklen Wolken und Inseln am Horizont
Wolken, Meer und die Silhouetten kleiner Inseln verschmelzen am Abend zu einem intensiven Farbenspiel. Bild: Thomas Bauer

Warum das Ganze: Kajakfahren und Schnorcheln im Naturparadies rund um Komodo ist ein intensives Erlebnis. Die Bewohner sind freundlich und zuvorkommend, man wird vor Ort wie ein König behandelt. Die meisten Dinge kosten im Vergleich zu Deutschland nur einen Bruchteil.

Indonesien: Der größte Inselstaat der Welt ist vergleichsweise jung, erst 1945 erstritt man die Unabhängigkeit. Dreieinhalb Jahrhunderte lang war Indonesien eine niederländische Kolonie. Heute leben hier mehr Muslime als in jedem anderen Land der Erde.

Komodowaran: Die größte Echse der Welt wird bis zu drei Meter lang, bis zu 70 Kilogramm schwer und bis zu 30 Jahre alt. Auf kurze Distanz können Komodowarane 18 Stundenkilometer erreichen. Ihr Gift bewirkt Bewusstlosigkeit und hemmt die Blutgerinnung. Jungtiere leben meist auf Bäumen, wo sie vor den erwachsenen Waranen geschützt sind. Ausgewachsene Exemplare leben auf dem Boden. Man schätzt den Gesamtbestand auf knapp 4000 Tiere. Da der Komodowaran ausschließlich auf fünf Inseln rund um Komodo vorkommt, gilt sein Bestand als gefährdet. Auf allen fünf Inseln wird er daher streng geschützt.

Sonnenuntergang hinter einer Bergsilhouette mit einem Segelboot auf dem ruhigen Meer
Time to say goodbye: Abendstimmung, im Vordergrund unser Boot „Rafida“ / Bild: Thomas Bauer

Literaturempfehlung: »Der Atem der Welt« von Carol Birch* ist ein spannender Roman, in dem es um eine Schiffsreise zu den »Drachen« von Komodo geht. Abenteurer Thomas Bauer hat 18 Bücher über seinen Touren veröffentlicht. 2026 erschien die Trilogie »Abenteuer EUROPA«*, »Abenteuer AMERIKA«* und »Abenteuer ASIEN«* im MANA-Verlag.

Thomas Bauer

www.neugier-auf-die-welt.de

Titelbild / Autor Thomas Bauer paddelt mit seinem Seekajak durch das transparente, türkisfarbene Wasser vor einer nahezu unberührten Insel. Bild: Thomas Bauer

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