Film “Die Ostsee von oben” – Interview mit den Filmemachern Silke Schranz und Christian Wüstenberg

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Wieso haben Sie nach dem Film “Die Nordsee von oben” den Nachfolgefilm “Die Ostsee von oben” produziert?
Silke: “Wir haben 2011 mit “Die Nordsee von oben” den ersten Film ins Kino gebracht, der eine deutsche Region ausschließlich aus der Vogelperspektive zeigt. Damals hat man uns belächelt, unser Konzept für nicht machbar gehalten unter dem Motto “Wer will sich schon 90 Minuten lang ausschließlich Luftaufnahmen von der Nordsee anschauen?” Unsere Antwort war spontan: “Wir!” Die Bilder haben uns vom ersten Moment an fasziniert und eine Gänsehaut beschert. Warum sollte das anderen nicht auch so gehen, haben wir uns gefragt. Wir haben es gewagt, es kamen 214.000 Zuschauer ins Kino, wir feierten einen Überraschungserfolg und haben den Zuschauern damals versprochen: “Dann machen wir auch einen Film über die Ostsee!” Gesagt, getan!”

“Die Nordsee von oben” war die erfolgreichste Naturdoku im Kino, hat aber nicht einen Preis bei Festivals abgeräumt. Sind Sie darüber enttäuscht?
Christian: “Ganz und gar nicht. Wir wollen nur eines: Den Zuschauern einen schönen Abend machen. Dass die Kinobesucher unseren Nordsee-Film mit der Bestnote 1,3 bewertet haben, besser noch als “The Kings Speech” – immerhin Oscarpreisträger – und “Gott des Gemetzels“ ist uns viel mehr Wert als die Meinung einer Jury, die nur aus wenigen Personen besteht und deren Geschmack man treffen muss. Uns hat das Urteil der Zuschauer total gefreut!” (FFA-Programmkinostudie 2011)

Kommen wir zu “Die Ostsee von oben”. Wie ist der Film entstanden?
Silke: “In jahrelanger Kleinarbeit. Es galt nicht nur, die schönsten Bilder auszusuchen. Uns geht es darum, Geschichten zu erzählen. Strukturen, die man aus der Luft sieht, zu deuten. Wir lassen uns von unserer Neugier treiben, wir schauen uns die Bilder an und sehen zum Beispiel ein Kirchenschiff in Rostock, in dem Wohnungen mit Balkon eingebaut sind. Also rufen wir bei der Kirchengemeinde an, beschreiben was wir sehen und lassen uns dann erklären, warum das so ist. Oder ein hellgrün/dunkelgrün gestreifter Wald am Darßer Ort, sichtbar nur aus der Luft. Warum der Wald gestreift ist, haben uns die netten Mitarbeiter beim Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft erklärt und so kommt dann eine Geschichte nach der anderen in den Film.”

Welche Technik kam bei dem Film zum Einsatz?
Christian: “Die Kamera nennt sich Cineflex, sie ist unter dem Hubschrauber angebracht. Da sie kreiselgelagert ist, gleicht sie die Bewegungen des Hubschraubers aus und kann aus großer Höhe völlig wackelfreie Aufnahmen machen, auch wenn das Zoomobjektiv voll ausgefahren ist. Die Technik haben wir dem amerikanischen Geheimdienst CIA zu verdanken. Die wollten aus großer Höhe gestochen scharfe Bilder von bösen Buben machen und dabei noch die Augenfarbe erkennen und das Nummernschild entziffern. Das Tolle an der Technik ist, dass der Hubschrauber einen Kilometer hoch über der Natur fliegen kann und trotzdem Nahaufnahmen vom Boden machen kann. Ohne, dass dabei die Tiere gestört werden.”

Was fasziniert sie an den Luftaufnahmen?
Silke: “Dass man das, was man kennt, aus einer ganz anderen Perspektive sieht. Einer exklusiven Perspektive, es sei denn, man ist Pilot. Am Beispiel der Stadt Lübeck demonstrieren wir den Effekt im Film. Auf Augenhöhe betrachtet, ragen die Kirchtürme aus der alten Hansestadt heraus. Dann kommt der Schnitt und wir sehen Lübeck aus einer Höhe von knapp einem Kilometer: die Stadt ist kreisrund! Das, was Stadtbaumeister vor über 800 Jahren angelegt haben, wird so erst sichtbar.”

Wie kommen die Aufnahmen bei den Zuschauen an?
Silke: “Die meisten, die sich “Die Ostsee von oben” anschauen, haben ja irgendwas mit der Küste zu tun. Entweder wohnen sie dort oder machen an der Ostsee Urlaub. Also kennen sie schon ein bisschen was. Wenn das dann im Film auftaucht, schnellen die Finger Richtung Leinwand und sie rufen: “Da, Eckernförde”, “Guckma, die Seebrücke in Ahlbeck”. Das passiert ganz automatisch. Uns auch, wenn wir Filme schauen und was Bekanntes entdecken. Es geht einem dann das Herz auf und nicht umsonst mögen die Leute Krimis aus ihrer Heimatstadt oder Fernsehserien, die dort spielen. Wann sieht man schon mal im Kino auf der riesengroßen Leinwand einen Ort, der einem vertraut ist? Und noch dazu so anders, dass selbst die Kenner einen neuen Blick darauf werfen können!”

Sie sind mit ihren Filmen auf Präsentationstour durch ganz Deutschland. Gibt es dann im Filmgespräch im Anschluss Fragen, die immer kommen?
Chrsitian: “Ja, die Lieblingsfrage lautet. “Und wo ist mein Ort XY?” Wir erklären dann, dass manchmal das Wetter einen Strich durch die Rechnung gemacht hat und die Bilder so grau und matschig sind, dass wir sie nicht nehmen konnten. Außerdem erheben wir in dem Film auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Darum geht es uns nicht. Es geht darum, die Küste in ihrer Unterschiedlichkeit dazustellen, von Flensburg bis nach Usedom. Auch haben die besten Geschichten die weniger guten ausgestochen, wir wollen ja schließlich unterhalten und nicht aufzählen!”

Ist “Die Ostsee von oben” ein Werbefilm?
Silke: “Wir wurden von niemandem dafür bezahlt, nette Worte zu einem Ort zu erzählen. Wir sind und bleiben unabhängige Filmemacher. Wer hier die Chance ergriffen hat, um Werbung zu machen, ist die Ostsee selbst. Diese Farben, diese Küste, das ist eine einzigartige Naturlandschaft und wir sagen im Film: „Warum wollen Sie in die Karibik oder noch weiter weg Urlaub machen? Es ist so schön hier, direkt vor unserer Haustür!“

Warum zeigt Ihr Eure Filme im Kino und nicht im Fernsehen?
Christian: „Unsere Naturdokumentationen liefen in über 500 Kinos in ganz Deutschland von Flensburg bis Oberammergau. Wir lieben das Kino. Die Leute lassen sich ganz anders auf den Film ein als zu Hause vor der Glotze. Im Kino gibt’s keine Werbeunterbrechung, es ruft mich keiner an, es klingelt nicht an der Tür und ich esse nicht nebenbei zu Abend. Und das ist auch gut so. Ein Landschaftsbild im Kino kann zum Naturereignis werden.“

Wieviel Kinos werden denn “Die Ostsee von oben” zeigen?
Silke: “Schätzungsweise 500. Zum Start am 23. Mai haben bereits weit über 100 Kinos zugesagt. Es werden täglich mehr.”

Sie sind oft persönlich bei den Filmvorführungen anwesend. Wie reagieren die Zuschauer darauf? Und, wer sind die Zuschauer?
Christian: „Wir sind in über 300 Kino-Veranstaltungen vor Ort gewesen. Ich denke die Leute schauen den Film anders, wenn sie uns vorher kennen lernen und wir über unsere Arbeit und über die Produktion des Filmes erzählen. Fahr mal zu dem Winzer, dessen Wein Dir gut schmeckt und lass Dir darüber erzählen. Danach schmeckt der Wein noch besser.“
Silke: „Wir sind übrigens auch vor und nach der Veranstaltung im Foyer für persönlichen Fragen da und gehen nicht, bevor alle Fragen beantwortet sind. Wir versuchen die Veranstaltungen weg von einer reinen Kinovorführung zu einem runden Abend machen, der den Leuten in Erinnerung bleibt. Unsere Zuschauer sind neugierig, reiselustig und sie interessieren sich für den ungewöhnlichen Blickwinkel.

Und zum Schluss: Was ist das nächste Projekt?
Silke: “Wir haben die letzen 7 Jahre 5 Dokumentationen für das Kino gemacht. Wir brauchen mal einen Urlaub ohne Kamera, tanken etwas Energie und dann legen wir wieder los. Wir haben tausende Ideen. Wir können aber noch nix verraten, sonst wird man ja sofort kopiert. Es wird aber keine Naturdokumentation, sondern ein Spielfilm. Ein echter Knaller, soviel können wir sagen.”

Filmographie

Silke Schranz und Christian Wüstenberg sind Filmemacher und leben in Frankfurt. Ihre ersten zwei Dokumentationen, die sie im Kino zeigten, waren die Reisereportagen „Neuseeland auf eigene Faust“ in 2008 und „Portugals Algarve auf eigene Faust“ in 2010. 2011 brachten sie die erfolgreiche Naturdoku „Die Nordsee von oben“ ins Kino. „Australien in 100 Tagen“ folgte 2012 und am 23.Mai 2013 ist der Kinostart von „Die Ostsee von oben“.

Titelfoto: Vidicom


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