Der intelligente Elefant – Bewußsein und Intelligenz der Dickhäuter

Forscher sind sich mittlerweile einig: Elefanten sind viel intelligenter, als wir je vermutet hätten. Das ZDF zeigt am Sonntag, 10. Januar 2016, 19.30 Uhr, in der “Terra X”-Dokumentation “Wie Elefanten denken”.

Elefantenherden umgehen offenbar ganz gezielt Gebiete, in denen Wilderer lauern, und vermeiden auch sonst gefährliche Kontakte zu Menschen. Die Entdeckung dieses einzigartigen Verhaltens machten Wildbiologen eher zufällig bei einer Zählung vom Flugzeug aus.

Diese ungewöhnlichen Wanderbewegungen der Tiere inspirierten die Wissenschaftler zu immer neuen Forschungsprojekten, in deren Verlauf weitere, völlig unerwartete Fähigkeiten der Elefanten entdeckt wurden. Beispielsweise arbeiten die gigantischen Rüsselträger im Team zusammen und teilen einander Erfahrungen und neue Erkenntnisse mit. Elefanten können im Test die komplexesten Probleme lösen und erkennen sich selbst im Spiegel – eine Leistung, die man bislang nur von Menschenaffen und Delfinen kannte.

Das Gefühlsleben der Tiere lässt sie entgegen der Bezeichnung “Dickhäuter” als äußerst sensibel erscheinen. Untersuchungen zufolge empfinden Elefanten Mitgefühl, Trauer, Freude, Furcht und Rachsucht. Die Forscher sind mittlerweile davon überzeugt, dass Elefanten zu den intelligentesten und komplexesten Tieren überhaupt zählen.

Neueste Studien haben gezeigt, dass afrikanische Elefanten täglich nicht mehr als zwei Stunden Schlaf brauchen. Stattdessen sind die Tiere auch nachts häufig unterwegs und auf Futtersuche. Foto: ZDF / Emre Izat
Neueste Studien haben gezeigt, dass afrikanische Elefanten täglich nicht mehr als zwei Stunden Schlaf brauchen. Stattdessen sind die Tiere auch nachts häufig unterwegs und auf Futtersuche. Foto: ZDF / Emre Izat

Bewusstsein und Intelligenz der Elefanten:

Interview mit Christof Koch vom Allen Institut für Hirnforschung, Seattle/Washington

Der alte Elefantenbulle Satao zeigt ein außergewöhnliches Verhalten: Wenn sich Menschen nähern, dreht er sich um und verbirgt seine Stoßzähne so schnell wie möglich hinter Büschen oder Bäumen. Halten Sie es für möglich, dass er das ganz bewusst tut?

Allein auf die Geschichte bezogen, kann ich das unmöglich beurteilen. Es klingt aber plausibel. Vielleicht hat er gesehen, wie andere Tiere wegen ihrer Stoßzähne getötet wurden. Und vielleicht hat er daraus geschlossen, worauf es die Wilderer abgesehen hatten. Allerdings würde das einen wirklich sehr hohen Grad von abstraktem Denken erfordern. Natürlich ist das möglich, aber wir müssen sehr vorsichtig sein und noch einmal einen Schritt zurückgehen und so ein Verhalten gezielt testen. Benimmt sich nur dieser eine Elefant auf diese Weise, oder zeigen alle Elefanten dieses Verhalten? Nur so können wir wirklich verstehen, was Elefanten tun und ob es tatsächlich seine Intension war, sich zu schützen. Der Bulle könnte genauso gut von einem kürzlich erfolgten Angriff traumatisiert gewesen sein, und sich jetzt – immer, wenn er Menschen sieht – aufgrund von posttraumatischem Stress wegdrehen.

Haben Elefanten also kein Bewusstsein haben?

Unter Bewusstsein versteht man die Fähigkeit zu fühlen und Erfahrungen zu sammeln. Gerade jetzt haben Sie ein bestimmtes Bild im Kopf. Sie hören meine Stimme, stimmt‘s? Sie agieren nicht unabhängig, sondern haben Erfahrungen. Sie haben Sorgen oder freuen sich, Sie haben irgendetwas zum Frühstück gegessen. Ihnen ist vieles bewusst, zum Beispiel, dass sie ein Mann sind oder dass Sie irgendwann sterben werden. Diese Erfahrungen zusammen bilden Ihr Bewusstsein. Zumindest unter Biologen gibt es viele, die glauben, dass wir diese Fähigkeit, Erfahrungen zu sammeln, mit vielen Tieren teilen – auf jeden Fall mit solchen, zu denen eine nahe Verwandtschaft besteht, nämlich mit den Säugetieren, wie Elefanten, Hunde, Katzen und natürlich Affen.

Einige Forscher versuchen gerade, mit Experimenten wie etwa dem Spiegeltest zu belegen, dass Elefanten sich ihrer selbst bewusst sind. Das könnte doch helfen, die Intelligenz der Elefanten zu belegen, oder?

Ich glaube, die Sache mit dem Selbstbewusstsein wird überschätzt. In der wirklichen Welt, spielt es keine so große Rolle. Stellen sie sich vor, Sie sind ein Bergsteiger. Wenn Sie an ihrem straff gespannten Seil hängen, dann konzentrieren Sie sich komplett auf das, was ihre Hände tun. Sie sind sich nicht dauernd ihrer selbst bewusst, denn Sie haben genug anderes zu tun. Ich glaube wir unterschätzen, wie oft wir uns nur der Welt um uns herum bewusst sind und nicht unserer selbst. Menschen, die Bücher über das Bewusstsein schreiben, tendieren natürlich dazu, sich ihrer ständig bewusst zu sein und andauernd über sich nachzudenken. Die meisten Tiere sind sich ihrer selbst nur selten bewusst. Mein Hund zum Beispiel setzt sich ja auch nicht hin und grübelt über sich selbst nach. Er lebt im Hier und Jetzt – alles andere interessiert ihn nicht. Außerdem ist der Test, den Sie erwähnt haben, vor allem für visuell begabte Tiere ausgelegt – für solche, die so sind wie wir. Also die großen Affen, wie etwa die Schimpansen – aber auch ein paar andere Arten, wie Delfine und einzelne Elefanten.

Basierend auf  diesem Test haben einige Wesen tatsächlich eine visuelle Vorstellung von sich selbst. Sie verstehen sofort, wenn etwas nicht stimmt, sobald sie ihr Abbild im Spiegel sehen.

Im Gegensatz zum Menschen haben Elefanten ein eingeschränktes Sehvermögen. Das scheint sie allerdings nicht besonders zu beeinträchtigen. Es gibt sogar Berichte, dass Herden erfolgreich von einer blinden Matriarchin angeführt wurden. Die Tiere orientieren sich vor allem mit Hilfe ihres Rüssels und ihres sehr guten Gedächtnisses. Foto: ZDF / Tom Barton-Humphreys
Im Gegensatz zum Menschen haben Elefanten ein eingeschränktes Sehvermögen. Das scheint sie allerdings nicht besonders zu beeinträchtigen. Es gibt sogar Berichte, dass Herden erfolgreich von einer blinden Matriarchin angeführt wurden. Die Tiere orientieren sich vor allem mit Hilfe ihres Rüssels und ihres sehr guten Gedächtnisses. Foto: ZDF / Tom Barton-Humphreys

Nicht alle Elefanten bestehen den Spiegeltest, deshalb galten sie lange als nicht so intelligent wie Affen oder Delfine. Warum gibt es unter den Elefanten solche Unterschiede?

Naja, die Frage ist doch: Welchen evolutionären Vorteil hat man, wenn man über ein Selbstbild verfügt? Ich glaube, man kann sich einfach besser selbst verstehen. Man hat eine Art Innensicht und kann lernen, sich zu verbessern. Man kann zum Beispiel aus einer Situation lernen, wenn man sich überlegen kann: “Ich habe hier einen Fehler gemacht. Was war falsch und wie kann ich es in Zukunft besser machen?” Zu diesem Zweck hat sich bei Wesen mit großem Gehirn schon früh in ihrer Evolution ein Selbstbewusstsein entwickelt. Und irgendwann wurde das Gehirn so groß, dass es über sich selbst nachdachte. In diesem Zusammenhang ist Selbstreflexion sinnvoll und wahrscheinlich ist dieses Bewusstsein für sich selbst als evolutionäres Phänomen erst relativ spät aufgetreten. Aber wir müssen vorsichtig sein. Bei anderen Arten, wie zum Beispiel Hunden oder auch Elefanten, ist der Geruchssinn viel wichtiger. Es könnte durchaus sein, dass sie eine sehr genaue olfaktorische Vorstellung von sich selbst haben, aber nicht unbedingt eine optische. Vielleicht würde sie ein geruchliches Spiegelbild sofort erkennen, denn Sehen ist für sie einfach nicht so wichtig wie Riechen.

Wie kann man mehr über die Intelligenz der Elefanten erfahren? Das Verhalten von Satao legt doch nahe, dass er sich nicht nur seiner selbst bewusst war, sondern auch  intelligent gehandelt hat, oder?

Die Frage nach der Intelligenz ist eine völlig andere als die nach dem Bewusstsein, Man könnte Intelligenz als die Fähigkeit beschreiben, flexibel auf eine neue Umweltsituation zu reagieren. Man lernt etwas in einer bestimmten Umwelt und passt das, was man gelernt hat, an eine neue Situation an. Aber wie genau definiert man Intelligenz? Und wie kann man sie messen? Zweifellos sind Tiere intelligent, aber man muss sich entscheiden, welche spezifischen Aspekte der Intelligenz man untersucht. Geht es um das Gedächtnis? Oder um Vorausplanung? Ist schlussfolgerndes oder abstraktes Denken gefragt? Das sind alles verschiedene Aspekte der Intelligenz. Aber wie bei Babys oder Patienten, die nicht sprechen können, können wir Elefanten nicht einfach fragen, sondern müssen die Intelligenz der Tiere unter sorgfältig kontrollierten Bedingungen erforschen. Bei großen Tieren wie Elefanten, Delfinen und Walen müssen wir dazu nach draußen gehen – in die Nationalparks oder in die freie Wildbahn.

Glauben Sie, dass sich die Intelligenz der Elefanten noch weiter entwickeln könnte?

Ja, denn die Intelligenz ist eine Art Werkzeug. Wir haben sie auch hervorgebracht. Die Frage ist aber, in welchem Zeitraum sie dazu in der Lage sind und bei  Elefanten geht es eher langsam – vielleicht zu langsam für die aktuellen Herausforderungen. Denn der Druck, den wir Menschen auf alle Ressourcen ausüben, ist sehr groß und steigt weiter an – und zwar im Zeitraum von einigen Jahren und nicht etwa Jahrhunderten. Manchmal verliert die Evolution unter Druck einige Arten, vor allem wenn ihre Fortpflanzungszyklen lange dauern. Die Elefanten befinden sich in der ungünstigen Lage, dass ihre Existenz – wie die der meisten Wildtiere – heute mehr und mehr von unserem guten Willen und unserer Fähigkeit, sie zu beschützen, abhängt.

Die Fragen stellte Emre Izat

Robert Jacobs, Psychologe von der Universität von Colorado, untersucht Gehirne afrikanischer Elefanten. Die Dickhäuter haben das größte Gehirn aller Landlebewesen, aber sind sie auch überdurchschnittlich intelligent? Foto: ZDF / Dave Adams
Robert Jacobs, Psychologe von der Universität von Colorado, untersucht Gehirne afrikanischer Elefanten. Die Dickhäuter haben das größte Gehirn aller Landlebewesen, aber sind sie auch überdurchschnittlich intelligent? Foto: ZDF / Dave Adams

Wie Elefanten denken – Regiebericht von Emre Izat

Als ich Joyce Poole zum ersten Mal traf, war ich mehr als nur ein bisschen nervös. Ihr Ruf war ganz schön einschüchternd. Immerhin beobachtete sie über vier Jahrzehnte Elefanten und ihr sind zahllose Erkenntnisse zu verdanken, die wir heute als gegeben hinnehmen. Darüber hinaus sagte man ihr auch einen besonderen Widerwillen gegenüber Dokumentarfilmcrews nach. Und zu allem Überfluss sollten wir einen Monat gemeinsam damit verbringen, einer Gruppe Elefanten zu folgen, die dafür berühmt waren, Jagd auf Fahrzeuge zu machen und die sogar den Teamwagen ihres Bruders Bob umgestürzt hatten.

Im Gorongosa National Park, in Mosambik, arbeiteten wir dann zum ersten Mal zusammen. Die Elefanten waren zu dieser Zeit besonders angriffslustig und schlugen uns mehr als einmal in die Flucht. Aber im Laufe der Zeit verliebte ich mich richtig in die Dickhäuter. Joyce’ Faszination für die verschiedenen Persönlichkeiten der Elefanten war sowieso schon ansteckend, aber die eindrucksvollste Erfahrung für mich war, als ich beobachten konnte, wie die Elefanten der Gruppe als Team zusammenarbeiteten. Diese Population hat viele Jahre intensive Wilderei überlebt und als Folge davon erstaunliche, gemeinsame Verteidigungsstrategien entwickelt.

Während einiger Zusammenstöße mit Gorongosas aggressivsten Weibchen, führten Joyce und ich immer wieder Gespräche, die schließlich zur gedanklichen Basis für diesen Film wurden. Joyce erklärte mir nicht nur die unglaubliche Subtilität der Kommunikation unter Elefanten. Sie brachte mich auch dazu, die Elefanten nicht als passive Opfer zu sehen, die der Gnade oder auch der Gewalt des Menschen hilflos ausgeliefert sind, sondern als komplexe Individuen mit Selbstbewusstsein, Intelligenz und einem gepanzerten Willen, ihre derzeitige Krise zu überstehen, indem sie ausweichen, auswandern oder austricksen.

Copyright: Great Elephant Census Project
Copyright: Great Elephant Census Project

Titelfoto / Die Elefantin Sherini untersucht ihr eigenes Spiegelbild. Elefanten gehören neben Affen und Walen zu den wenigen Tieren auf unserem Planeten, die sich im Spiegel selbst identifizieren können. Zu dieser “Selbsterkenntnis” gehört ein Höchstmaß an Intelligenz. / Foto: ZDF / Sam Barton-Humphreys

Hier noch einmal der Hinweis auf die Sendung: Das ZDF zeigt am Sonntag, 10. Januar 2016, 19.30 Uhr, in der “Terra X”-Dokumentation “Wie Elefanten denken”.

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